review – Liederjan

Kellinghusen – Oh, endlich mal wieder Lokalkolorit bei „Pep“, kam mir als erstes in den Sinn, als ich die Ankündigung fürs nächste Konzert in der Ulmenhofschule sah. Da kommen bestimmt viele aus der Umgebung, vermutete ich.

Die Folkformation „Liederjan“ ist unter langjährigen Kennern der Kleinkunstszene ein echter Klassiker, eine alte lokale Institution, die sich nun wieder mit ihrem aktuellen Programm vorstellte. In früheren Zeiten füllte sie johlende Säle und beifallgeschwängerte Clubs. Bis vor Corona kam sie auch noch auf 100 Auftritte im Jahr, alle Achtung! Danach noch auf etwa 50, wie Gründungsmitglied Jörg Ermisch mir im Interview erzählte.

Sie standen zuletzt allerdings vor elf Jahren 2014 mit einem eigenen Konzert an gleicher Stelle, eine ganz schöne Zeit ist das her. Sie sind mittlerweile Kellinghusener geworden, da Jörg Ermisch gemeinsam mit Hanne Balzer vor zwölf Jahren in die Stadt gezogen ist. Nach der Jahreseröffnung mit der schwedischen Singer/Songwriterin Sofia Talvik stand damit nun einmal wieder eine echte Kellinghusener Band auf der „PEP“-Bühne. Nicht oft, aber doch von Zeit zu Zeit, lädt „PEP“ Bands aus der Stadt zum Konzert.

„Hoch die Hände“: Pilatesübungen mit „Liederjan“ – bei der Zugabe musste das Publikum selber mitarbeiten.

Der Jahresanfangsauftritt von Sofia Talvik mit einer dreistelligen Besucherzahl hatte hier schon Maßstäbe gesetzt. Ein Blick in die Runde an diesem Abend zeigte: Wieder konnte die dreistellige Zuhörermarke geknack werden, füllten zahlreiche Zuhörer den Saal und lauschten gebannt dem Vortrag der drei Musiker auf der Bühne. An volle Säle könnte man sich bei „PEP“ langsam gewöhnen.

Schnell erkannte man die charakteristischen Songs und vor allem den Humor in ihren Ansagen wieder, wenn Jörg Ermisch beispielsweise feststellte: „Die Selter gab’s nur noch Medium“, während er eine Flasche hoch hielt, und Philip Omlor ihm antwortete: „Du sollst den Text ja auch nicht rülpsen.“

Ein Stück haben sie auch von der Kellinghusener Band „Guitavio“ übernommen, „weil uns die Melodie so gut gefiel“, wie Jörg Ermisch sagte. „Wir haben ihn deshalb vom Englischen ins Deutsche übersetzt.“ Aus „Spring is back“ wurde somit: „Frühling, Du bist wieder hier“.

Trotz ihres langjährigen Jubiläums zu ihrem 50-jährigen Bestehen stellte Jörg Ermisch richtig: „50 Jahre sind wir ja nie gemeinsam zusammen gewesen – nur ich mit mir allein.“ Zur Feier des Tages hatte Hanne Balzer, wie sie sagte, 235 aus insgesamt 550 Liedern, oder so, zu einem Potpourri zusammen gefasst unter dem Namen „Liederjan Ratatouille“ – zwei Zugenbrecher in einem Satz! Aber auch die haben sie gemeistert.

Akkordeon, Tuba und Posaune: Eine Vielfalt an Instrumenten ist schon seit jeher ein Markenzeichen der Kellinghusener Band „Liederjan“.

Ein altes Lied spielte Hanne Balzer auch auf der „Teufelsgeige“, einem übermannshohen Stab, an dem diverse Percussioninstrumente montiert sind und an dessen oberem Ende ein Teufelsgesicht montiert war. Den schwang sie in einem Song und verlieh der Melodie somit noch weiteren Rhythmus.

In dem Song „SUVikowski“ besingen sie Erlebnisse mit ihrem Van auf der Autobahn, als Jörg Ermisch fest stellte, dass sie diverse Songs mit kritischem Inhalt im Programm haben. „Das mit dem Lustigwerden klappt heute nicht mehr bei mir“ – Publikum: „Ooooh!“ „Aber ihr könnt mir nachher am CD-Tisch einen Witz erzählen“ – Zuhörer: „Aaaah!“ Unverkennbar: Der Saal ging mit.

Da vergangenes Jahr ohnehin das Jahr der Tuba war, habe Hanne Balzer das mal eben eigenmächtig verlängert, wie sie sagte, und zum nächsten Titel anstimmte – auf der Tuba natürlich. Da ihnen das Wort „Potpourri“ zu schwer zu schreiben war, nannten sie ihr Medley „Tuba-Püree“. Was bei genauem Nachdenken jedoch genauso viele Stolpersteine in der Rechtschreibung enthält.

Überhaupt spielten Blasinstrumente an diesem Abend eine entscheidende Rolle. So holte Hanne Balzer zu zwei Titeln ihre Posaune-Schülerin Maja Bornhodt auf die Bühne, die ihre Aufgabe sehr zur Freude des Publikums souverän bestand. „Das war neu und hat mir unheimlich Spaß gemacht“, sagte sie hinterher.

Freuten sich, nach mehr als zehn Jahren wieder einmal bei „Pep“ zu spielen (v.l.): Philip Omlor (Gesang, Instrumente), Jörg Ermisch (Gesang, Gitarre, Flöte, Harmonika) und Hanne Balzer (Gesang, Akkordeon), die mit Maja Bornholdt an der Posaune einen speziellen Ehrengast präsentierten.

Mit dem Titel-Song ihres nächsten Albums „Es macht ja auch Spaß“ und dem Mitsingstück „Ernsthaft locker bleiben“ (Zeile: „Und wichtig ist, was man auch treibt, dass man ganz einfach locker bleibt.“) klatschte das Publikum seine Band nicht nur drei Mal zurück auf die Bühne. Die Zuhörer mussten für ein Ende des letzten Stücks auch noch Arbeiten: Die Band ging erst herunter, als alle Zuhörer zu einigen Pilatesübungen mit den Füßen Dehnübungen machten und mit den Armen in der Luft gewedelt haben.

Illuster das Publikum. Auch der Sohn von Anelm Noffke, Constantin, war mit seiner Freundin dabei. Er urteilte: „Vieles kenne ich noch von früher wieder. Es freut mich, dass die Band auch heute noch so gut ankommt. Und es ist ein schönes Andenken an meinen Vater.“

Bei aller Freude über ihren jetzigen Auftritt herrscht aber auch ein wenig Wehmutsschmerz. Denn nun ist es so weit:„Wir haben uns entschieden, dieses Jahr 2025 nicht nur unter dem Motto ,50 Jahre Liederjan‘ zu begehen, sondern es auch zu unserem Abschiedsjahr zu machen“, sagt Jörg Ermisch. Dass einige wenige Auftritte, die buchungstechnisch nicht mehr in dieses Jahr passten, ins nächste verschoben werden müssen, ändere an der Tatsache nichts.

Nach mehr als zwei Stunden Musik, lustigen Geschichten und neuen sowie nostalgischen Liedern: Zum Schluss gab’s Standing Ovations für „Liederjan“.

Auf einen großen Auftritt gegen Jahresende freuen sie sich jetzt schon: Am Samstag, 19. Oktober, treten sie in Hamburg im „Alma Hoppes Schauspielhaus“ zu ihrem großen Jubiläumskonzert „50 Jahre Liederjan“ auf. Mit einigen befreundeten Bands und Musikern. „Danach werden wir sehen, was noch kommen wird“, sagt Ermisch.

Text und Fotos: Ludger Hinz