Kellingusen – Da hat PEP aber einmal ganz schön aufgefahren, dachte ich, als ich das Programm zum Blues-Festival zum ersten Mal sah. Zwei Tage, vier Bands, jede für sich ein eigenes Universum; und wir alle mittendrin, mit einem Kaltgetränk in der Hand und der Vorfreude im Bauch, die man nur hat, wenn man weiß: Heute wird’s laut – und gut.
Ich gebe zu: Als die Latvian Blues Band angekündigt wurde, dachte ich zuerst: Latvian was? Lettland! Blues. Naja, mal sehen… Und dann standen sie da, und schon nach den ersten Takten war klar: Diese Jungs brauchen keinen geografischen Bonus. Die sind auch so schon ziemlich gut. Trotz einiger Bedenken des Vorsitzenden Oliver Zantow vor dem Konzert war der Saal in der Ulmenhofschule ganz stattlich gefüllt; nicht übermäßig gut, aber doch annehmbar.

Der Sound der Latvian Blues Band hat diese Mischung aus erdiger Tradition und jugendlicher Unverschämtheit, die einen schnell packt. Man spürt die großen Vorbilder in ihren Songs: Albert King, B.B. King, Muddy Waters, aber nie wie ein Zitat, sondern eher wie ein Gespräch über Generationen hinweg. Zwischendurch dachte ich: Wenn das hier der „Bluesschatz Lettlands“ ist, dann sollten wir in Riga vielleicht öfter mal graben.
Denn ihre Energie war ansteckend, ihr Groove präzise, und doch hatte alles diese lässige, verschwitzte Club-Atmosphäre, die man sonst eher aus Chicago kennt, selbst wenn man da noch nie in einem Club war (wie die meisten wohl an diesem Abend). Kein Wunder, dass die Band auch dort schon auf dem Festival stand.
Das setzte sich am zweiten Abend nahtlos fort. Trotz gleichzeitg ausgetragenem Weinfest in Itzehoe, das dem Abend sicherlich so einige Besucher abspenstig machte (nach dem Motto: „Wieso soll ich für eine Karte zu einem Live-Konzert Geld ausgeben, wenn ich das Live- Erlebnis in Itzehoe ganz kostenlos haben kann?“), war der Saal auch hier ganz ansehnlich gefüllt. Hier hieß es jetzt gleich drei Handschriften, ein Herzschlag. Denn alle drei Bands folgten dem einen grundlegenden, universalen Blues Sound, den jeder nur auf seine Weise interpretiert.
Moritz Kruit beispielsweise kommt aus Itzehoe, ist aber im Herzen international. Und verspielt. Er ist ein Musiker, der seinen Stil mit seiner Band mit viel Leichtigkeit auf die Bühne bringt. Seine Stimme hat eine rauchige Wärme, die einen sofort an die Hand nimmt. Seine Songs springen zwischen Pop, Soul und Blues hin und her, als wäre das ein einziger großer Spielplatz. Mal rockig, mal zart, mal deutsch, mal englisch, aber immer mit seiner unverwechselbaren Handschrift. Und seine Band? Ein Kollektiv aus Spielfreude und Inspiration.

Und als dann noch der Itzehoer Harp-Spieler Ben Heuer auf die Bühne kam mit seinem unnachahmlichen Sound, den er seinem Instrument mit vollem Einsatz von Mund, Lunge und Atem entlockt, da stand der Saal Kopf – und auch das völlig zu Recht.
Auf diese Weise leicht und locker eingeleitet, folgte an dem Abend mit der „Hamburg Blues Band“ dann etwas ganz Anderes, viel deutlicher in Richtung Blues gehend: Nur Musik, die sich anfühlt wie ein guter Kneipenabend, der plötzlich eine neue Wendung bekommt, weil jemand eine Gitarre in die Hand nimmt. Ein musikalisches Feuerwerk, ja; aber eines, das von weitem nach Bier, Hafenluft und Geschichten roch. Die Fans waren auf einmal hellwach.

Und dann kam mit „Muddy What?“ die Band, die aufmerksame PEP-Besucher schon zur Genüge kannten und den würdigen Höhepunkt des Abends bedeutete, war sie doch während der Coronazeit unter Auflagen schon drei Mal nacheinander hier zu Gast. Schon damals überzeugten sie das Publikum mit ihrem erfrischenden Stil. Ich dachte: Na gut, schauen wir mal, wie sich das entwickelt hat seitdem. Das Geschwisterpaar Ina und Fabian Spang hat gemeinsam mit Michi Lang eine ungezwungen-fröhliche, aber zugleich auch konzentrierte Bühnenpräsenz, die man nicht lernen kann. So verbinden sie Gefühl mit Wucht, Raffinesse mit Rotzigkeit. Auch wenn sie nur zu dritt sind. Kein Wunder, dass sie die German Blues Challenge 2021 gewonnen haben.

Zwischendurch musste sich tatsächlich jeder Zuhörer fühlen, als würde ihn jemand in die „verwunschenen Sümpfe des Mississippi-Deltas“ gezogen haben. Und anscheinend auch der ganze gefüllte Ulmenhofsaal, der mitging, als gäb’s kein Morgen. Das kulminierte schließlich in einer unvergleichlichen Final-Session, bei der sich die Musiker aller Bands noch einmal gemischt auf der Bühne versammelten. Wie das solche Sessions so an sich haben.

So haben wir schließlich zwei Abende gesehen, vier Bands gehört und ein Festival erlebt, das zeigt, wie lebendig der Blues heute ist: Nicht verstaubt, nicht museal, vielmehr pulsierend, international, jung, alt, wild und alles zugleich. Da hat PEP nicht nur groß aufgefahren, sondern die Bands haben auch geliefert. Zuweilen mehr, als man vorher gedacht hatte.
Fotos und Text: Ludger Hinz