Kellinghusen – Tango? In Kellinghusen? Da, wo sonst für fließende und wogende Wellen nur die Stör sorgt? Na, wenn das mal gut geht, dachte ich, als das argentinische Gypsy-Tango-Trio „Tzigan“ angekündigt wurde. Noch nie etwas gehört von der Combo!
Mit einer Musikrichtung, die bislang noch nicht in der Ulmenhofschule vertreten war und die auch hierzulande nicht so wirklich verbreitet ist, sollte im norddeutschen Sommer etwas südländischers Flair her. Vom Ansatz her gar keine so schlechte Idee.
Aber dieser wurde ein Abend, an dem Kellinghusen plötzlich tatsächlich gar nicht mehr nach Kellinghusen klang. Sondern nach Buenos Aires, nach Córdoba. Laut der Eigenwerbung der Band nach „staubigen Straßen, Lagerfeuern, Pferdehufen in der Ferne und einer schönen Melancholie.“
Gut, das sonnige Wetter half ein wenig. Aber den südamerikanischen Hauch brachte die Band an diesem Abend auch nur allmählich in die Aula der Ulmenhofschule. Dafür sind die Hörgewohnheiten des Publikums, das sonst Rock, Blues und Folk gewohnt ist, vielleicht doch etwas zu eingefahren auf andere Stile. Bei Pep-Mitglied Steffi am Tresen jedenfalls machte sich das musikalische Flair vor allem im verstärkten Verkauf von Wein bemerkbar.
Trotzdem muss man sich vergegenwärtigen: Eine Band fliegt einmal um die halbe Welt und startet ihre Europa-Tournee nicht in Berlin, nicht in Hamburg. In Kellinghusen. Das hat schon etwas Charmantes. Gut, sie hatten schon ein Konzert am Abend vorher, aber als ihr Tourstartwochenende geht dieser Abend locker durch.

Der Pep-Vorsitzende Oliver Zantow wusste natürlich, wen er da auf die Bühne geholt hatte. Und war selber ganz begeistert, vorher und auch noch währenddessen. Die Gruppe Tzigan gehöre „zu den namhaftesten Formationen im Bereich Tango, Jazz und osteuropäische Musik“, erklärte er. Und so stehen in den folgenden 33 Tagen für das Trio 28 Konzerte in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Tschechien auf dem Programm.
Der Auftakt in der Ulmenhofschule zumindest war schon mal gelungen. Waren es zwei Wochen vorher nur fünf verkaufte Tickets, so schnellte die Zahl kurz vorher vielleicht auch aufgrund eines ausgiebigen Zeitungsartikels noch einmal in die Höhe. Darin wurde der Tango in seiner Funktionsweise einmal von zwei Tanzlehrern aus Itzehoe erklärt.

Die davon völlig unbeleckten Musiker machten von Beginn an ohne viele Worte klar, dass Tango weit mehr sein kann als rote Rosen zwischen den Zähnen und übertriebene Beinschwünge. Ihre argentinische Gipsy-Version des Tango verbindet traditionelle Roma-Melodien mit der Nostalgie des Tanzes. Und das hörte man hier ganz deutlich heraus.
Mal auf Romani, mal auf Russisch gesungen, oft rein instrumental, entfalteten sie ihre musikalischen Geschichten über Themen wie Frühlingsmorgen, kalte Nächte, Tänze, Liebeleien, Träume und das Leben am Lagerfeuer. Das war kein Kitsch, das war eher Kino für die Ohren, denn es dauerte nicht lange, und der Zuhörer hatte genau das vor seinem geistigen Auge.
Dass dabei drei Musiker eine erstaunliche Klangfülle erzeugten, lag auch an ihren Lebensläufen und den darin erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Bandleader Alejandro Montero beispielsweise gründete das Trio 2004 und beherrscht als Multi-Instrumentalist normalerweise Instrumente wie Gitarre, Bouzouki, Balalaika, Caz, Tambura, Mandoline und Gesang. In Kellinghusen blieb er allerdings meist bei der Gitarre.

Sein Mitmusiker David Macchione studierte Violine in Córdoba sowie Komposition an der Universität, unterrichtet dort heute selbst. Und der Jüngste in der Truppe, Juan Sans, ließ an diesem Abend das Bandoneón sprechen ein Instrument, das aussieht wie ein Akkordeon, ursprünglich aber für die Kirchenmusik gedacht war. Um das zu halten, musste er sein Bein auf einen vor ihm stehenden Stuhl stellen und das Instrument dann auf seinem Knie platzieren.
Zwischendurch erzählten die Musiker – immer wieder gern gehört vom Publikum – kleine Geschichten. Etwa über Alejandro Monteros Begeisterung für Zugreisen, die sogar einen eigenen Titel hervorgebracht hat: „Transsiberean Express“. Als man hier zuhörte, sah man den Zug förmlich vor seinem geistigen Auge als schnaufendes Dampfross vor sich hintuckern, vielleicht durch argentinische Gebirgstäler und -gipfel.
In der Pause äußerten sich die von den hiesigen Hörgewohnheiten völlig unbeleckten Musiker dann auch über das Verhalten ihres norddeutschen Publikums an diesem Abend. „Am Anfang waren die Zuhörer noch vorsichtig, in sich gekehrt. Wir haben uns gefragt: Was machen sie? Hören sie gespannt zu oder sind sie vielleicht gelangweilt?“, erzählte Alejandro Montero. „Die Emotionen waren nur im Gesicht zu erkennen“, erzählte er staunend, was er von der Bühne aus wahrnahm.

Aber sie konnten beruhigt weiter spielen. Erst als die Stücke expressiver wurden, habe sich auch das Publikum geöffnet. „Man konnte sehen, wie sich sich die Tränen aus den Augen wischten.“ Das waren vielleicht auch die Schweißperlen bei der Hitze des Tages, hatten aber eventuell auch damit zu tun.
Darin unterscheidet sich Schleswig-Holstein offenbar deutlich von Argentinien. „Wir wollen den Moment nicht mit Applaus zerstören“, sagte er. Obwohl deutlich die Wurzeln des Tango heraus zu hören waren, tanzen ihre Zuhörer bei ihren Konzerten allerdings auch nur im Ausnahmefall, wie er sagte. Hier in Kellinghusen taten sie es nicht. Dafür war der Abend vielleicht aber auch zu warm. Das wiederum passt irgendwie auch perfekt in den Norden. Große Gefühle? Klar, gern! Aber bitte möglichst unauffällig. Muss ja nicht jeder gleich mitkriegen.
Die Musiker mochten dann genau das, was die Akustik in der Aula hergab: Klänge, teilweise in konzentrierter Stille bis hin zur überbordenden Lebensfreude. Damit erhielten sie dann endgültig die Aufmerksamkeit des Publikums, das schließlich nicht mit Applaus geizte und die Band zu zwei Zugaben zurück auf die Bühne klatschte. Da fiel auf: Vielleicht braucht guter Tango ja gar keine überfüllte Hafenkneipe in Buenos Aires. Kellinghusen geht an einem schwül-warmen Ende eines Sommertags anscheinend auch. So war auch Pep-Mitglied Steffi hinterm Tresen am Schluss beeindruckt: „So klar wie hier habe ich die Verbindung des Gypsy mit dem Tango Argentino nicht erwartet.“
Fotos und Text: Ludger Hinz