Premiere als Wundertüte: Feridun Zaimoglu
Kellinghusen – Das war doch mal eine gelungene Premiere in Kellinghusen dachte ich am Ende im Hinausgehen aus einer bislang ungewohnten Location. Denn anscheinend hatte sich PEP für diesen Abend etwas vorgenommen: Warum immer Ulmenhofschule? Warum immer Kartoffelhalle?, hieß wohl das Motto. Man kann ja auch mal was Neues wagen.

Und so landete die Veranstaltung erstmals in der funkelnagelneuen Aula der neu gebauten Gemeinschaftsschule, einem Ort, der noch so frisch war, dass man fast das Gefühl hatte, die Farbe an den Wänden würde noch leise trocknen.
Es wurde eine doppelte Wundertüte: Neuer Ort, neue Art von Abend. Denn obligatorischen Musik, sonst ja das verlässliche Grundrauschen jeder PEP-Veranstaltung, gab es diesmal wieder Lesung. Nach Jahren. Und nicht irgendeine, sondern gleich einen Abend mit Feridun Zaimoglu, 62, türkischstämmig, in Deutschland aufgewachsen; Kieler Literat mit Haltung, Humor und einer Vita, die man nicht mal eben auf einem Bierdeckel unterkriegt.
Viele waren gespannt, wie das wohl laufen würde: Wie viele würden kommen? Wie wirkt der neue Saal? Und wie funktioniert eine Lesung an einem Ort, der noch nicht mal Patina angesetzt hat? Die Antwort kurz und knapp: erstaunlich gut!

Der Saal war ordentlich gefüllt, die Stimmung neugierig, und die Besucher erwiesen sich als aufmerksame Zuhörer; was ja nicht selbstverständlich ist, wenn man sich abends freiwillig auf Stühle setzt, die noch nicht einmal die Chance hatten, durchgesessen zu werden. Auf der Bühne: der Autor Zaimoglu, flankiert von drei Leselampen, zwei Flaschen Wasser und einer Leinwand, auf der sein Porträt in Überlebensgröße thronte.
Der sehr frisch wirkende Literat las aus seinem Roman „Sohn ohne Vater“, der nicht nur Vorschusslorbeeren, sondern gleich eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2025 im Gepäck hatte. Kein Wunder also, dass die Zuhörer neugierig waren.

Sein Roman, kurz erzählt: ein Roadtrip über 5000 Kilometer quer durch Europa, von Kiel über Linz, Szeged und Edirne bis nach Edremit und wieder zurück. Ein Schriftsteller mit Flugangst, zwei Freunde, ein Wohnmobil, viel Europa und noch mehr Erinnerung. Ein trauernder Sohn auf dem Weg zum Grab des Vaters in der Türkei. Eine Reise in ein Land, das ihm fremd ist, und in eine Vergangenheit, die ihm manchmal noch fremder vorkommt.
Zaimoglu erzählte von seiner literarischen Arbeitsweise und davon, wie er das Dilemma zwischen Ich-Erzähler und Autor löst: „Ich habe gekürzt, hinzu gedichtet, gelogen und ergänzt.“ Da zuckten einige Zuhörer beim Wort „gelogen“ kurz zusammen, aber er stellte klar: Das sei Absicht. Literatur brauche Fallhöhe, und autobiografische Stoffe seien Rohmaterial, kein Protokoll.

Er sprach über seine Kindheit in München, das Abitur, die elterlichen Erwartungen („Medizin, mein Sohn!“), sein Physikum in Kiel, den Abbruch, das Kunststudium, das ihm bescheinigte, er werde die Fundamente der Kunstgeschichte wohl nicht mehr zum Einsturz bringen.
Er blieb trotzdem in Kiel, befreite sich vom bayerischen Katholizismus, tauschte den gegen norddeutschen Protestantismus, um dann festzustellen: „Ich bin gar nichts davon.“ Also wurde er Schriftsteller. Und das ziemlich erfolgreich: Drehbücher, Dramaturgie, Literaturpreise, Lesereisen, das volle Programm.
Am Ende blieb der Eindruck eines Abends, der vieles gleichzeitig war: Premiere, Experiment, Lesung, Werkstattgespräch. Und vor allem ein gelungener Start an einem neuen Ort, der sich anfühlte, als könne er noch viele solcher Abende vertragen. Und Kellinghusen offenbar auch.
Fotos und Text: Ludger Hinz