Elvis lebt – aber der Rock’n’Roll braucht einen kleinen Anlauf
Kellinghusen – Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Selbst wenn sie 50 Jahre lang im Dilirium auf dem Klo gelegen haben. Mit dem Musical „Elvis lebt!“ präsentierte PEP nun einmal etwas ganz anderes als das gewohnte Programm. Keinen Folk, keinen Rock, keinen Blues. Statt dessen eine One-Man-Show, die man in dieser Form hier noch nicht gesehen hatte. Blieb nur die Frage: Ist Elvis Presley heutzutage überhaupt noch zeitgemäß? Und vor allem: Würde das Publikum mitspielen?

Die Vorzeichen klangen nicht gerade nach Rock’n’Roll. Noch eine Woche vor der Veranstaltung waren gerade mal ein Dutzend Karten verkauft. Erst nach einem Artikel in der Lokalzeitung kam der Vorverkauf sehr zur Freude des Vorsitzenden Oliver Zantow noch einmal in Schwung. Offenbar musste man dem King erst ein wenig auf die Sprünge helfen. Ganz wie im Stück selbst.
Dem Anlass angemessen, zog PEP dafür extra in die Aula der neu gebauten Gemeinschaftsschule um. Nachdem dort zuletzt eine Lesung statt gefunden hatte, wartete mit dem Musical hier nun die nächste Herausforderung, auf deren Umsetzung alle gespannt waren. Dort herrschten dank des großzügigen Platzangebots nahezu ideale Bedingungen. Neue Stühle für die Zuschauer, ein großer Vorraum für den PEP-Getränkeverkauf und Schüler, die selbst gemachte Snacks vom Donut bis zur Brezel anboten. Alles hell und freundlich ausgeleuchtet, während draußen in der dunklen Nacht Sturmböen den Regen durchs Land trieben. Drinnen war das Wetter schnell vergessen.

Der junge Schauspieler Corbin Broders (30) vom Kieler Theater „Die Komödianten“ widmet sich in seiner Eigeninszenierung einem seiner Idole: Elvis. Die Geschichte, die er sich dafür ausgedacht hatte, war ebenso lustig wie pfiffig inszeniert. Elvis hat doch wirklich 50 Jahre lang im Tabletten- und Alkoholrausch auf dem Klo gelegen und geschlafen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Seit 1976 war er tot. Nun weckt ihn Gott höchstpersönlich wieder auf. Ungefähr so wie renitente Teenager nach einer durchzechten Nacht wieder in die Senkrechte gebracht werden müssen. Und weil Elvis einen gehörigen Kater hat, lautet die göttliche Therapie: „Sing doch mal wieder was!“

Das tat er dann, erst widerwillig, dann bereitwillig. Der King arbeitet sich noch einmal durch sein musikalisches Leben, diesmal allerdings zeitlich rückwärts. Von „Way Down“, „Burning Love“ und „Suspicious Minds“ über „A Little Less Conversation“, „Bossa Nova Baby“ und „Heartbreak Hotel“ bis zu „That’s All Right“ und „Blue Suede Shoes“ ist reichlich Bekanntes dabei gewesen. Allerdings nicht alles. „Love Me Tender“ oder „Viva Las Vegas“ fehlten beispielsweise. Eine durchaus angenehme Abwechslung zu einer Hitparade, bei der man die nächste Nummer schon mitsingen kann, bevor sie überhaupt angefangen hat.
Der Sänger setzte die Songs mit einer Elvis-Stimme um, die erstaunlich glaubhaft klang. Dabei blieb es nicht bei der bloßen Imitation. Er brachte eine eigene Note ein und setzte gesangliche Akzente. Auch optisch zeigte er Wandlungsfähigkeit gemäß der einzelnen Stationen des King, wie man die von ikonischen Zeitungsfotos kennt: erst im Bademantel, dann in den typischen Elvis-Kostümen und schließlich ganz schlicht im grauen Hemd normal gekleidet. Selbst „Tutti Frutti“ funktionierte hier a cappella. Die Stimme Gottes und die Musik aus dem Playback. Da braucht es nicht unbedingt eine Band, um den King wieder auferstehen zu lassen.

Besonders gelungen sind die inhaltlichen Überraschungen. Elvis fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass seine Tochter Lisa Marie Michael Jackson geheiratet hat. „Den Kleinen der Jackson Five?“ Ihm blieb der Mund offen stehen. Kein Wunder, schließlich war Michael beim Tod des King gerade einmal 17 Jahre alt, Lisa Marie neun. Der nächste Schock folgte prompt: Auch seine Tochter ist inzwischen gestorben. Solche Wendungen holen die Geschichte aus der reinen Nostalgie heraus und schlagen auf unterhaltsame Weise eine Brücke in die Gegenwart.
Angenommen wurde das Ganze eher, wie soll man sagen: norddeutsch: Das Publikum verfolgte die Vorstellung zunächst noch mit der ihm eigenen Zurückhaltung. Vor der Bühne saßen die Zuschauer recht gedrängt, während links daneben reichlich Platz blieb. Der Rock’n’Roll wurde gehört, aber (noch) nicht getanzt. Der Beifall fiel zunächst so artig aus, als hätte man sich vorgenommen, erst einmal abzuwarten, ob der Mann wirklich Elvis ist.

Erst im zweiten Teil, bei den Zugaben und den inzwischen einsetzenden Standing Ovations, trauten sich die ersten Zuschauer auf die freie Fläche neben der Bühne. Endlich wurde dort auch Rock’n’Roll getanzt. Zu zwei Zugaben wurde der Sänger dann sogar auf die Bühne zurückgeklatscht.

So endete ein Abend, der nicht nur eine gelungene musikalische Wiederauferstehung bot, sondern auch eine kleine Erkenntnis: Elvis mag 50 Jahre verschlafen haben, und das Publikum braucht ebenfalls eine Weile, um in Wallung zu kommen. Aber vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer neuen Generation und dem alten Rock’n’Roll: Der King muss erst von Gott geweckt werden. Die Zuschauer brauchen dafür offenbar doch bis zur zweiten Zugabe.
Fotos und Text: Ludger Hinz