Kellinghusen – Alte Zeiten, in Kellinghusen ganz neu: Schon in den 70ern wurde mir als Faustregel zu Hause mitgegeben: das Dreigestirn in der Beatmusik der 60er Jahre, das man kennen müsste, lautete: „The Beatles, The Rattles und The Lords.“
Die waren in den End-70er Jahren, als ich langsam anfing, mich für Musik zu begeistern, aber schon nicht mehr in. Dennoch blieben sie mit den Jahren natürlich als Name und als Ikonen einer längst vergangenen Zeit im Gedächtnis erhalten, und mit der Zeit verinnerlichte auch ich einige ihrer Songs, die ich bei einigen Wiederholungen des „Beat Clubs“ im Fernsehen im 3. Programm oder zu anderen Gelegenheiten sah und hörte.

Niemals hätte ich jedoch gedacht und für möglich gehalten, dass ich mit „The Lords“ eine dieser Bands noch mal live zu sehen kriege und mit mir ein voller Saal der Ulmenhofschule voller begeisterter Fans. Zugegeben, die überwiegende Zahl von ihnen ist mittlerweile in einem Alter, dass sie die Band tatsächlich noch in ihren Anfangsjahren live hätten miterleben können.
Da hätten sie allerdings andere Musiker erlebt als an diesem Abend. Denn obwohl sie als die „dienstälteste Band der Musikgeschichte“ sogar schon ausgezeichnet wurde, muss das natürlich etwas relativ gesehen werden. Denn im Gegensatz zu den Rolling Stones etwa ist heutzutage keines der ehemaligen Mitglieder mehr aktiv, mehr noch: 2020 und 2024 verließen die beiden letzten Mitglieder der ersten Stunde die Band aus gesundheitlichen Gründen.
So spielen natürlich heute ihre Nachfolger, die ihrerseits „erst“ seit ein bis zwei Jahrzehnten dabei sind, was ja nicht mal im Entferntesten an die 60er Jahre heran reicht, aber auch schon eine ganz erkleckliche Zeit darstellt.

Dennoch muss man zumindest würdigen, dass sie die alte Beatmusik hoch halten und sogar neue Alben heraus gebracht haben, in der sie die frühere Musik im Sinne ihrer Erfinder fortführen. So gesehen wehte zumindest der Geist der Musikgeschichte an diesem Abend durch den den Saal.
Anders als der englische Name vermuten lässt, stammte die Band ursprünglich aus Berlin, später Düsseldorf, und sie verkörpern auch heute noch wie keine andere Gruppe die Beat-Ära die Sechziger und präsentierten sich auch hier an diesem Abend vital und dynamisch.
Da das Konzert schon vorher ausverkauft war, brauchte PEP auch keine Ankündigung mehr in der Lokalzeitung, was will man da mehr? So konnten alle einfach genießen.

Die Band, die wegen ihres langen Bestehens und ihrer Beliebtheit beim Publikum auch schon zahlreiche Preise gewonnen hatte, passte sich an diesem Abend in der Ulmenhofschule dem modernen Zeitgeist an – mit moderner Technik, einem 1A-Sound und einer gelungenen Abmischung ihrer Lieder. Gleichzeitig huldigte sie dem ursprünglichen Zeitgeist, aus dem heraus ihre Beat-Musik überhaupt erst zustande gekommen ist, als Vorläufer der Rockmusik.
Die vier „Lords der Neuzeit“ intonierten ihre größten Hits wie „Poor Boy“, „Shakin All Over“, „Have A Drink On Me“ oder „Gloryland“ sowie neuere Stücke vom Schlage „Everytime I Fall“, „If You Ain`t Got Love“ oder „What Are We Waiting For“ routiniert und spielfreudig.
Zurück ins Gedächtnis brachte die Band damit auch einige kuriose „Fun Facts“, wie das heute auf Neudeutsch so schön heißt: etwa dass sie allein zwischen 1965 und 1969 zwölf Songs in den deutschen, österreichischen und Schweizer Charts hatten, darunter mit „Gloryland“ sogar einen Top-5-Hit. Der Song, der dem bayrischen Ohrwurm „Ja mir san mim Radl da“ entlehnt und mit einem englischen Text unterlegt ist, wurde so vom Publikum auch am meisten abgefeiert. Die Melodie hat sowieso jeder drauf.

Genannt „die deutschen Beatles“, da sie 1964 aus einem „Beatles“-Wettbewerb hervorgingen, verkörpern „The Lords“ auch hier noch die alten Zeiten des legendären Hamburger „Starclubs“, die Geburtsstätte der „Beatles“, und bringen das Feeling als ehemals „Deutschlands Beatband Nr. 1“ noch einmal zurück nach Kellinghusen. Zahlreiche Zuschauer brachten das in Pausengesprächen zum Ausdruck. Waren diese früher bei den Konzerten plötzlich noch stehend platziert, brauchten sie nun als ältere Herrschaften natürlich eher Sitzplätze, die PEP an diesem Abend auch umfangreich zur Verfügung stellte.
Dass die meisten Zuhörer nun im Saal saßen, hielt das Publikum aber nicht davon ab, sich zum Schluss zum Applaus noch einmal zur Standing Ovation von seinen Plätzen zu erheben. Als die Besucher dann nach zweieinhalb Stunden den Saal verließen, konnten sie das in dem Bewusstsein, noch einmal an der Geschichte live geschnuppert zu haben.
Fotos und Text: Ludger Hinz