Kellinghusen – Kellinghusen ist für Musiker ein bisschen wie ein guter alter Bekannter: Manche schauen einmal vorbei, andere kommen jahrelang immer wieder. Und einige scheinen überhaupt nicht genug von der Störstadt bekommen zu können. Daran hat vor allem PEP seinen großen Anteil, der seit Jahren Künstler auf die Bühne der Ulmenhofschule holt und ihnen immer wieder das Gefühl gibt, hier ein Stückchen von zuhause zu erleben.
Eine Konstante ist Erja Lyytinen. Die finnische Blues-Gitarristin, inzwischen 50 Jahre alt und längst weit mehr als ein Geheimtipp, stand seit 2014 bereits viermal in Kellinghusen auf der Bühne. Nun war sie zum fünften Mal da. Zwischendurch hat Lyytinen nicht nur auf ihren Touren, sondern auch musikalisch einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt: Ihre Konzerte führen deutschlandweit inzwischen von Berlin über München bis Hamburg, aber auch nach Kanada und in die USA. Ihre Musik hat sich vom klassischen Blues zunehmend in Richtung Hard- und Progressive Rock entwickelt. Kellinghusen ist für sie trotzdem geblieben.

Das Publikum musste davon offenbar erst noch überzeugt werden. Im Sommer sah es zeitweise sogar schon brenzlig aus: Der Vorverkauf dümpelte wochenlang bei gerade einmal zwei Dutzend verkaufter Tickets vor sich hin. Dann kam das Ferienende, die Urlaubszeit war vorbei, und in der Zeitung erschien ein ausführlicher Artikel mit einem Erja-Interview zur Ankündigung.
Das schien gefruchtet zu haben. Am Auftrittsabend fluteten plötzlich Zuschauer in dreistelliger Zahl die Ulmenhofschule. „Der Zeitungsartikel hat uns sofort Zahlen gebracht“, freute sich der Vorsitzende Oliver Zantow. „Das hat sich in verkauften Tickets niedergeschlagen.“ Man könnte also sagen: In der Presse hat sie bereits gespielt, bevor Erja Lyytinen überhaupt auf der Bühne stand.
Als sie dann tatsächlich loslegte, war auch der Rest schnell erledigt. Das Publikum wollte feiern – und Lyytinen lieferte die passenden musikalischen Argumente dazu. Den Blues, ihre Gitarren, Tourneen und ein neues Album hatte sie im Gepäck. Vor allem aber eine neue Band: Mehr als Heikki Saarenkunnas am Bass und Jesse Lehto am Schlagzeug waren nicht nötig, um einen typischen Lyytinen-Sound von gitarrenlastigem Blues und mittlerweile auch solidem Hardrock zu erzeugen. Mit ihnen hat sie auch ihr neues Live-Album „50. Geburtstag Live 2026“ aufgenommen, das am (Freitag) 9. Oktober erscheint.

Fast zwei Stunden lang, mit Pause, zeigte Lyytinen nun, warum sie inzwischen zu den herausragenden modernen Blues-/Rock-Künstlerinnen gezählt wird. Die Songs ihres aktuellen Albums „Smell the Roses“ von 2025 kamen live noch einmal eine gute Portion lauter und rockiger daher. Ihre faszinierenden Slides und die epischen Gitarrensoli waren natürlich dabei. Und wurden entsprechend beklatscht. Doch Lyytinen beließ es nicht beim Blues. In ihre Musik flossen hörbar die Sounds des Hardrock der 60er- und 70er Jahre ein.
Und dann ist da noch Wacken. Erstmals war Lyytinen Ende Juli beim benachbarten Wacken Open Air zu Gast: 85000 Menschen, große Bühnen, große Namen, und mittendrin die Finnin, die in ihren sozialen Medien ihre gesamte Begeisterung zum Ausdruck brachte. Für eine Bluesgitarristin aus Finnland durchaus ein bemerkenswerter Abstecher in die Welt des Heavy Metal. Und vielleicht auch ein ziemlich gutes Zeichen dafür, wie weit sie sich inzwischen von den ursprünglichen Blues-Stilen entfernt hat, mit denen sie einst ihre Karriere begonnen hatte.

Doch so groß die Bühnen nebenan inzwischen auch sein mögen: Zu Kellinghusen hat Lyytinen eine besondere Beziehung. Seit ihrem ersten Auftritt hier sind zwölf Jahre vergangen, und PEP hat ihr von Anfang an immer wieder eine Bühne gegeben. Daraus ist über die Jahre eine Verbindung entstanden und die Freude darüber, bekannte Gesichter wiederzusehen, wie sie selber im Interview erzählte. Was ihr Kellinghusen bedeute, wurde sie kurz vor ihrem Auftritt im exklusiven Gespräch gefragt. Ihre Antwort fiel erstaunlich schlicht, aber sehr feinfühlig, aus: eine „süße, kleine Stadt“.
Ganz verschwunden ist die Welt da draußen allerdings auch aus Lyytinens Musik nicht. Die Entwicklungen außerhalb des Konzertsaals spiegeln sich in ihren Songs wider, etwa im Titelsong „Smell the Roses“. Musik kann die Welt nicht reparieren, dessen ist sie sich bewusst. Aber sie kann dafür sorgen, dass man sie für ein paar Stunden nicht ganz so schwer nehmen muss.
Und vielleicht erklärt das auch, warum die Verbindung zwischen Lyytinen und Kellinghusen funktioniert. Hier braucht es keine 85.000 Zuschauer. Etwas über hundert reichen völlig, wenn die Musik stimmt.
Lyytinen jedenfalls kam mit reichlich musikalischem Gepäck in die Störstadt. Und sie hatte sogar einen bescheidenen Wunsch für die Heimreise: einen „möglichst leeren Merchandisekoffer“ wünschte sie sich. Shirts und Alben hatte sie schließlich zum Verkauf mitgebracht. Nach knapp zwei Stunden dürfte der Koffer also deutlich leichter gewesen sein, stellte sie sich doch in der Pause auch noch höchstpersönlich hinter den Verkaufstisch und signierte und verkaufte ihre Alben.

Die Erinnerung an Kellinghusen dürfte bei Erja Lyytinen wieder ein wenig eindrücklicher geworden sein. Und vielleicht darf sie ja demnächst auch mal in Wacken auftreten. Dann hätte sie in Kellinghusen auch wieder einiges zu erzählen.
Fotos und Text: Ludger Hinz