Harry Rowohlt

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 18:37

2oo Leute X 4 ½ Stunden = Harry Rowohlt

"Hattet ihr schon mal einen Künstler, der solo aufgetreten ist und viereinhalb Stunden Programm geboten hat?", fragte mich der Rundschau-Mitarbeiter Ludger Hinz am Ende der Veranstaltung. Ich überlege immer noch, aber mir wird wohl niemand mehr einfallen.

Und noch eine neue Erfahrung durften wir machen: Zu einer Lesung erscheinen mehr als 2oo Besucher. Der Saal des "Benjamin" war voll, im Restaurant standen kaum noch Stühle, selbst die Partybänke waren alle besetzt.

Dabei war Harry Rowohlt doch zum ersten Mal in seinem Leben in Kellinghusen. Es muss sich wohl herumgesprochen haben, dass die Abende - oder sollte ich besser sagen Nächte? - mit ihm etwas ganz Besonderes sind und mit einer klassischen Lesung so rein gar nichts zu tun haben.

Nicht, dass er nur wenig liest. Da befinden sich reichlich Manuskripte und Bücher auf seinem Tisch. Pooh, der Bär, kommt zu Wort und äußert sich zur Rechtschreibreform und zu Kollegen, die zu viele Literaturpreise bekommen. Flann O`Brian ist dabei und nimmt uns mit auf die grüne Insel. Shel Silversteins Lyrik bringt Harry Rowohlt erst im englischen Original und dann in seiner deutschen Übersetzung zu Gehör. Und ob es nun in die Jahreszeit passt oder nicht: "Erna, der Baum nadelt", das botanische Drama am Heiligen Abend von Robert Gernhardt, fehlt ebenfalls nicht. Warum sollte es auch? Man erzählt Witze, die an einem Montag spielen ja auch an anderen Wochentagen, lautet der knappe Kommentar von Harry Rowohlt. Woraufhin natürlich der erwähnte Witz - bei Bedarf auch in Schwäbisch oder Kölsch - vorgetragen wird. Dabei fällt ihm ein, was er im Ländle schon so alles erlebt hat und dann war da noch die Buchhandlung mit dem französischen Namen...

So reiht sich eine Geschichte an die andere, mal biegen sich die Zuschauer vor Lachen, mal staunen sie über seine Wortakrobatik. In der Pause fallen sie über den Büchertisch her und lassen sich die Werke anschließend signieren.

Das Programm wird fortgesetzt, Harry hat inzwischen allen das Du angeboten und sich an der Flasche Paddy`s zu schaffen gemacht. Aber diesen irischen Whisky trinkt er eigentlich nur, weil da diese farbige Irland-Karte auf dem Label zu sehen ist, er uns damit die irischen Provinzen so schön anschaulich vorstellen kann und wir auch immer wissen, wo wir uns befinden, wenn er wieder in einer irischen Geschichte unterwegs ist.

Kurz nach Mitternacht geht er mal eben pinkeln, kommt wieder und setzt zum Finale an. Um zwanzig nach zwölf sagt er "Das war`s!" und fährt anschließend ohne Atempause mit der Zugabe fort. Noch einmal Shel Silverstein, "Mirror, Mirror", anschließend auf deutsch "Spieglein, Spieglein", wobei ihm einfällt, dass er ja mal den Brüder-Grimm-Preis bekommen hat und das heißt nicht Gebrüder, sonder Brüder, weil... und dann war da noch der Typ, der ihn auf einem Bahnhof angesprochen hat und der ihn - obwohl er schon genervt reagiert hat, weil er dachte, wieder einmal auf die Lindenstraße oder den Rowohlt Verlag angequatscht zu werden - auf eben jenen Preis ansprach. Und wenn er den noch mal wieder trifft, dann wird er... So etwa um zwanzig vor eins ist auch der letzte Zugabenteil beendet.

Zwei Stunden später ist der Saal leer und nachdem Harry und ich den Paddy`s bis auf einen nicht erwähnenswerten Rest leergeplaudert haben, beschließen wir, den Heimweg anzutreten. Harry hat mit seinen 57 Jahren nun endlich einmal Kellinghusen kennen gelernt, hat festgestellt, dass die meisten Häuser auch hier hässlich sind, ansonsten aber einen sehr netten Abend gehabt.

Am nächsten Morgen um viertel vor zehn fahre ich ihn zum Bahnhof und mit müden Augen verabreden wir, uns in spätestens 57 Jahren wieder einmal zu verabreden.

Aber vielleicht passt das ja auch ein bisschen früher - - -

                                                                                Oliver Zantow