Faust

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 17:47

Faszinierendes Puppenspiel: Ulli Treu begeisterte

Ein Knall lässt die Zuschauer zusammenfahren, ein Blitz erleuchtet für einen kurzen Moment die verdunkelte Bühne. Es ist Mitternacht und Faust lässt sich soeben auf einen Handel mit den Mächten der Unterwelt ein. Geister und Furien erscheinen und Mephisto gelingt es, Faust in seinen Bann zu ziehen. Minuten später gerät Hanswurst, Fausts Gehilfe, in eine Auseinandersetzung mit einem teuflischen Monster. Doch Bauernschläue und Temperament helfen Hanswurst auch in dieser Szene wieder aus der Bredouille. Vielmehr ist er es, der das Monster vorführt. Die Zuschauer lachen laut auf  und genießen die Szene.

Das Stück scheint wieder einmal maßgeschneidert zu sein für Ulrich Treu vom Puppentheater Berlin. Er kann sein umfangreiches Können ausspielen, die Liebe zum Detail einbringen sowie die Zuschauer fesselnd und humorvoll unterhalten, ohne dass dies zu Lasten des Niveaus geht.

Faust - Das alte deutsche Puppenspiel. So lautet der Titel des Stückes. Faust, der Gelehrte, der seine Seele dem Teufel verkauft, wird heute in einem Atemzug mit dem Namen Goethes genannt, der diesen Stoff in einem seiner berühmtesten Werke aufgriff und bearbeitete. Die Geschichte ist jedoch wesentlich älter. Bereits im 16. Jahrhundert entstand die Puppenspielfassung. Ulrich Treu verwendet diesen historischen Stoff, um die traditionelle Form des Papiertheaters wieder aufleben zu lassen. Grundsätzlich werden dabei unbewegliche Puppen am Stab geführt. Dennoch fliegt auf einmal ein Rabe durch Fausts Studierzimmer und nimmt ihm den Vertrag mit Pluto aus den Händen. Diese und andere Feinheiten sind es, die zum einen die Blicke der Zuschauer fesseln, zum anderen aber auch die ganze Meisterschaft Ulrich Treus offenbaren. Hier schiebt sich eine Wolke vor den Mond, dort gehen in einer Stadt nach und nach die Lichter in den Fenstern aus und wenn Hanswurst, schließlich als Nachtwächter tätig, seine Laterne anzündet, dann leuchtet diese eben auch real. Hinzu kommt eine ebenso umfangreiche Stimmenvielfalt, mit der Ulrich Treu jeder seiner Figuren einen eigenen Charakter verleiht. Doch alle Effekte und Rollen kann Ulrich Treu in diesem Stück nicht alleine darstellen. Daher führt er es zusammen mit seinem Kollegen Tilman Harte auf, der ebenfalls seit vielen Jahren als Puppenspieler tätig ist und mit seiner Sprachgewandtheit für weitere Höhepunkte sorgt.

Interessant an der Inszenierung sind gerade auch die Unterschiede zu Goethes Faust. So gibt es im Puppenspiel kein Gretchen, dafür jedoch den schon genannten Hanswurst. Dieser diente damals dem einfachen Volk als Identifikationsfigur. Er war ungebildet, warf mit derben Sprüchen um sich und war am Ende doch geschickt genug, seine Seele vor dem Teufel bewahren zu können.

Es ließe sich lange schwärmen über diese Inszenierung. Und auch die Besucher im Bürgerhaus mochten sich nicht so recht lösen von dem Stück. Faust war längst in die Hölle hinabgestiegen, als Ulli Treu und Tilman Harte noch Fragen zum Darstellung erläuterten und den Zuschauern einen Blick hinter die Kulissen ermöglichten.

Da das Interesse an Ulli Treus Puppentheater so groß ist, sei gerne schon angekündigt, dass er im nächsten Jahr erneut zu sehen sein wird. Dann heißt es voraussichtlich wieder "Tand ist alles Gebilde von Menschenhand" und der Meister wird alten Balladen neues Leben einhauchen.

 

Oliver Zantow