Malinky

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 3:38

Glücksgriff

Susanne Kalweit zum Konzert von Malinky

Malinky waren offenbar "auf Verdacht" engagiert worden, auf Grund des begeisterten Pressetexts (vgl. PEP-News 29) und der Tatsache, dass sie als relativ neue Band schon auf allen besseren Festivals gespielt haben, nicht zuletzt in Tondern.

Malinky erwiesen sich vom ersten Ton an als Glücksgriff. Die fünfköpfige Band – so weit ich feststellen konnte, war niemand über 35 dabei – fesselte das Publikum nicht nur mit ihrem außerordentlichen instrumentellen Können. Dabei spielten sie mit "Ersatzmann": Am Akkordeon saß, statt Leo McCann, der vor kurzem Vater geworden ist und begreiflicherweise seine Familienpflichten voranstellt, Ian Stephenson aus Yorkshire, in Kellinghusen schon aus der Band 422 bekannt. Er konnte die Qualität von Karine Polwart, Steve Byrne, Mark Dunlop und Jon Bews jedoch problemlos mithalten.

Zweite Überraschung: Karine und Steve sprachen passables Deutsch, so dass auch die des Englischen (bzw. Schottischen) nicht so mächtigen Teile des Publikums die oft recht witzigen Ansagen und Frotzeleien der Band verfolgen konnten. Selbst Mark Dunlop, der aus Nordirland kommt und wiederum einen anderen Akzent sprach, schaffte einige Sätze in Deutsch. Er wird es mir nachsehen, wenn ich behaupte, dass seine Künste auf Bodhran und Querflöte und auch als Sänger entschieden größer sind.

Ja, der Gesang fand auf englisch (bzw. schottisch) statt, und dort waren diejenigen, die wenig verstanden, wirklich benachteiligt. Malinky sind für mich die beste aller jungen Bands, weil sie Lieder nicht als etwas betrachten, das man zur Erholung mal einstreuen muss, sondern weil ich bei ihnen den Eindruck habe, die Lieder, die sie singen, sind ihnen wichtig und werden nicht in instrumenteller Virtuosität "ertränkt".

Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass neben traditionellen Stücken die von Karine Polwart selbst geschriebenen einen großen Teil des Repertoires ausmachen. Als Verfasserin von Liedern kommt sie für mich bald nach Brian McNeill, und der ist einfach Spitze! Das Kellinghusener Publikum bekam nicht nur "Whaur Dae Ye Lie" zu hören – ein schon sehr bekanntes Lied, das Karine nach Medienberichten über das Massaker im bosnischen Srebrenica geschrieben hat, bei dem 1995 etwa 8000 muslimische Männer nahezu unter den Augen der UN-Friedenstruppe von Serben ermordet wurden. Karine versetzt sich in die Lage der zurückbleibenden Frauen: "Wo liegst du, mein Vater? mein Sohn? mein geliebter Mann? Und wann werden wir die Wahrheit erfahren?"

Auch ihre beiden anderen Lieder erzählten Geschichten über Frauen: "The Dreadful End of Marianna for Sorcery" wurde durch eine Kurzgeschichte von den Orkney-Inseln angeregt und zeichnet nach, wie eine Frau als Hexe verleumdet und verbrannt wird, weil sie sich den Wünschen des örtlichen Machthabers nicht fügt. Auch "Thaney" weigerte sich, ihrem Vater, dem König Loth, zu gehorchen, überlebte seine Bestrafungsaktionen, brachte ihren unehelichen Sohn zur Welt und ging mit ihm in die Geschichte ein: Den Sohn kennt Schottland als Sankt Mungo, den Stadtgründer von Glasgow, die Mutter als Sankt Enoch – die Heilige der Einkaufspassagen, wie Karine augenzwinkernd anmerkte. (Wer noch nie in Glasgow war: Das St. Enoch Shopping Centre ist eine riesige Scheußlichkeit aus Glas, der zahlreiche alte Gebäude im Stadtzentrum weichen mussten.)

Mit ihren kräftigen, klaren Stimmen tragen Karine und Mark leicht am gesanglichen Anteil des Repertoires; Steve Byrne mit seinem etwas leichteren Tenor bildet einen angenehmen Kontrast. Instrumental bin ich leider völlig ungebildet; was ich sagen kann, ist, dass sowohl die individuelle Begeisterung der fünf für ihre Musik als auch ein offenbar unangestrengtes Zusammenspiel nicht zu überhören waren. Es passte einfach alles.

Das Publikum ließ sich das Ansinnen, bei einigen Liedern doch einfach mitzusingen, willig gefallen, und gab auch nach der zweiten Zugabe nur zögernd das Klatschen auf. Ich denke, sie werden wiederkommen – dann allerdings ohne Leo McCann und ohne Karine Polwart, die sich ab 2005 stärker ihrer Solokarriere widmen will. Man darf gespannt sein, wer sie ersetzt und was in dieser Band noch alles steckt!