Walter Kempowski

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 2:54

Walter Kempowski las im Bürgerhaus

Zuhörer entschieden sich für das „Echolot“

 

Groß war das Medieninteresse – gerade in den letzten Wochen. In langen Artikeln wurde der letzte Band aus der Reihe „Echolot“ vorgestellt und dieses in der Literatur wohl einzigartige Werk gewürdigt. Umfangreiche, teils ganzseitige Interviews verrieten Einzelheiten über den Verfasser. Und nun war er da. Mit einem freundlichen Lächeln betrat er den Saal des voll besetzten Bürgerhauses. Ein erster Applaus zur Begrüßung.

Aus allen möglichen Ecken unseres Landes sind sie nach Kellinghusen gekommen, um Walter Kempowski „live“ zu erleben. Die Schulklasse aus Bad Oldesloe zum Beispiel. Oder Walter Kempowskis Bruder, der seit kurzem in Bad Bramstedt wohnt. Man munkelte, dass auch Freund und Kollege Günter Kunert diesen Abend miterleben wollte. Der war dann aber doch nicht da. Wir hätten für ihn natürlich noch einen schönen Platz bereit gestellt, aber es wurde langsam eng im Saal des Bürgerhauses. Kurz vor Beginn der Veranstaltung hatten wir noch einmal 40 Stühle dazugestellt, so dass jetzt insgesamt 150 Plätze zur Verfügung standen. Und die haben wir auch gebraucht. Für eine Lesung an einem Montag Abend: erstaunlich.

Ob er denn eher etwas Lustiges oder etwas Ernstes vortragen solle, fragte Walter Kempowski die gespannt wartenden Zuhörer. Es sei auf beides vorbereitet, könne seinen durchaus humorvollen jüngsten Roman „Letzte Grüße“ ebenso vorstellen, wie sein neustes „Echolot“, das mit dem Kriegsende `45 allerdings nichts Humorvolles beinhalte.

Die Rufe nach dem „Echolot“ überwogen deutlich und so zog Walter Kempowski das entsprechende Manuskript aus seiner Aktentasche.

In den folgenden gut 70 Minuten bekamen wir dann einen Einblick in das gigantische Mosaik aus Tagebucheinträgen, Briefen und vielerlei weiteren Berichten, die zu diesem eindrucksvollen Buch geführt haben. Churchill, Stalin und Roosevelt äußerten ihre Gedanken ebenso, wie einfache Soldaten, KZ-Häftlinge oder Ordensschwestern. Schlesier, die beschlossen nicht zu fliehen; Soldaten, die sich ergaben und Angst vor Repressalien hatten; Stalins Tochter, die nach bekannt werden der Kapitulation ihrer Vater anrief und ihn beglückwünschte: Sie alle kamen zu Wort. Geschickt modellierte Walter Kempowski diese vielen einzelnen Aussagen zu einem harmonischen Gesamtwerk, das am Ende gerade aufgrund dieser facettenreichen Aussagen so spannend und informativ zugleich ist.

Ob es denn nicht eher eine staatliche Aufgabe sei, all diese Biografien zu sammeln und auszuwerten? Ob das Interesse an seinem Archiv auch aus dem Ausland groß sei? Ob es nicht unglaublich schwierig sei, an all diese Informationen zu gelangen?

Walter Kempowski hatte die Zuhörer animiert, mit ihm über das Echolot-Projekt zu diskutieren und nun wollten diese es genauer wissen, hinter die Kulissen dieser filigranen Arbeit blicken. Und Walter Kempowski gab Auskunft. Er erzählte von den russischen Schülern, die ihn in Kürze besuchen werden, von der Erlaubnis in England Archive einzusehen und dem Verbot, sich dabei Notizen machen zu dürfen. Von den französischen Archiven, die für deutsche nicht zugänglich sind. Und dass selbst französische Studenten spätestens dann keine Auskunft mehr erhalten, wenn sie gerne Briefe von französischen SS-Soldaten lesen würden. Und von denen gab es immerhin 400.000, berichtete Walter Kempowski.

Geduldig beantwortete er jede Frage und ebenso geduldig signierte er anschließend jedes Buch, jedes Plakat und auch so manche Eintrittskarte. Gelbe, rechteckige PEP-Eintrittskarten, die sich Besucher (wieder einmal) zur Erinnerung an einen besonders interessanten Abend aufbewahren wollen.

Oliver Zantow