Saitenfest 2005

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Dem Meister zu Ehren

Das 4. Saitenfest stand im Zeichen Baden Powells

 

„Jedes Stück verlangt förmlich danach, improvisiert und individuell interpretiert zu werden“, sagte Hans Pfeiffer. Das mache die brasilianische Gitarre für ihn so spannend.

Sich nach Herzenslust an dieses Motto haltend gestalteten André Krikula und Hans Pfeiffer das inzwischen vierte PEP Saitenfest. Und sie widmeten diesen Abend ihrem Idol und Vorbild: Baden Powell, dem brasilianischen Ausnahmegitarristen, der im September 2000 verstorben ist.
Im ersten Set präsentierte Hans Pfeiffer mit den Balladen eher unbekanntere Stücke Powells. Und wie mit dem diesjährigen

August abgestimmt, begann er das Konzert mit einem Winterlied, dem „Chanson d`hiver“.
Zwischen den Liedern stellte er den Zuschauern Eckdaten aus dem Leben Baden Powells vor. So erfuhren die Besucher, dass der 1937 geborene Brasilianer bereits mit 15 professioneller Musiker wurde und mit 20 Jahren zu komponieren begann. Die großen Erfolge kamen dabei ebenso zur Sprache, wie die späteren Alkoholprobleme Baden Powells.
Es entstand eine lebendige Biografie, die von Hans Pfeiffer ausgewählten Stücke fügten sich nahtlos in die jeweils vorangegangenen Schilderungen.
Die Balladen selbst luden zum Träumen ein, es war ein Genuss, sich ihrer Leichtigkeit hinzugeben. Erst mit dem Öffnen der Augen wurde erkennbar, mit welcher Fingerfertigkeit Hans Pfeiffer seiner Gitarre Melodie und Rhythmus gleichzeitig entlockt, mit welcher Sicherheit er die Saiten anschlägt.

1963 kam Baden Powell erstmals nach Europa, 1967 nahm er an den Berliner Jazztagen teil und stellte seitdem die Szene auf den Kopf. In dieser Zeit entstand dann auch der wunderbare „Cancion triste“, bei dem jeder Ton zu einem Erlebnis wird, in dem die Gitarre eine Geschichte zu erzählen scheint.

Wir lernen Baden Powell, den Empfindlichen, kennen. In den 70ern sagt er frustriert ein Konzert ab, weil es seiner damaligen Freundin aufgrund von Nebel nicht möglich war, mit dem Flugzeug aus London anzureisen.
Auch eigene Begegnungen mit dem großen Star fließen in die Schilderungen mit ein. Hans Pfeiffer erzählte, wie er Baden Powell in den 80ern in Kiel wiederholt live erlebt hat und wie es dem Gitarristen gelang, nach spätestens 20 Minuten den Saal zum Kochen zu bringen.
Einem seiner Lieblingsstücke, dem „Tema Triste“, folgte dann das „Girl von Ipanema“. Mit diesem Lied, das zwar nicht aus der Feder Baden Powells stammt, mit dem er aber große Berühmtheit erlangte, beendete Hans Pfeiffer seinen Part.

Nach der Pause bat er dann seinen Kollegen André Krikula auf die Bühne. Als einen „der versiertesten Gitarristen an der brasilianischen Gitarre“ stellte er ihn vor.  Locker und schwungvoll begann André Krikula dann auch zu spielen. Seine Afro-Sambas begleitete er häufig mit Gesang. Diese Afro-Sambas entstanden aus der Zusammenarbeit Baden Powells mit Vinicius de Moraes. „Die beiden erlebten eine wilde Zeit miteinander.“ Gemeint war eine intensive Schaffens-Phase dieser beiden Künstler. Dies verdeutlichte André Krikula anschließend anhand einiger Interpretationen. Und wie nebenbei unterstrich er, dass Hans Pfeiffer mit seiner Ansage Recht behalten sollte. Es war schlicht beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit und welcher Geschwindigkeit André Krikula die Saiten bearbeitete. Darüber hinaus erzeugte er eine große Klangvielfalt, indem er die Gitarre (während des Spielens) auch als Percussion-Instrument verwendete und mit dem Fuß auf eine Art Shaker tretend den Rhythmus unterstrich. Irgendwie gelang es ihm dabei auch noch, auf der Cajon zu spielen.
André Krikula zeigte sich wahrlich als Meister seines Faches. Der aufbrausende Applaus war daraufhin eine zwangsläufige Konsequenz.

Nach etwa zwei Stunden Solo-Konzert spielten die beiden Gitarristen dann noch zwei Stücke gemeinsam.
Obwohl zur „experimentellen Session“ erklärt, geriet dieses Duo doch zum Highlight des Abends. Auch wenn die Zwei sich kaum an ihre Aufzeichnungen hielten und die Spontanität gelegentlich auch für den Laien hörbar wurde, unterstrichen diese Stücke die Spielfreude der beiden Musiker. Abgesehen davon hatten wir ja auch gelernt, dass die brasilianische Gitarre geradezu zum Improvisieren einlädt.
Baden Powell hätte diese Homage sicherlich Vergnügen bereitet!

 

Oliver Zantow