Balladen

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 2:32

Ulrich Treu inszenierte Balladen als Puppenspiel

Pointiert und variantenreich

 

Dass Anspruch und Unterhaltung Freunde werden können, demonstrierte Ulrich Treu vom Puppentheater Berlin. Bereits zum zweiten Mal spielte er bei uns sein Balladen-Programm, stellte er Goethe, Schiller und Co. auf eine sehr ungewöhnliche Weise vor. Mehr als ein Dutzend Balladen hat er inszeniert, jede davon in einer anderen Technik. Dass nicht nur Liebe zum Detail, sondern eine hohe Professionalität seine Aufführungen auszeichnet, wurde auch an diesem Abend bereits nach wenigen Minuten deutlich.
Ulrich Treu hält sich an die Original-Texte. Dieser rezitiert er nicht nur sicher, er versteht es auch, so pointiert und variantenreich zu sprechen, dass aus den Gedichten umgehend lebendige Geschichten werden.
Er beginnt mit Gustav Schwabs „Das Gewitter“. Urahne, Großmutter, Mutter und Kind spricht er jeweils in einer eigenen Tonlage. Wenn diese vier Leben dann von einem Blitzschlag beendet werden, spricht Ulrich Treu dies nicht nur aus, ein reales Blitzlicht lässt die Besucher auf ihren Stühlen zusammen zucken. Goethes „Fischer“ zeiht sich seine filigranen Stiefel aus, über die „Brück´ am Tay“ fährt eine Lokomotive, die mit Hilfe einer winzig kleinen Kerze realen Rauch abgibt und auf dem Grabstein von „John Maynard“ leuchtet dessen Name auf.
Aber es sind nicht nur Ideen, die Ulrich Treu umsetzt. Hinter jeder Requisite, jedem Utensil, jeder Bewegung steckt ein Gedanke, steht ein Konzept.
Auch die Szenenwechsel sind Teil der Dramaturgie. Die Zuschauer sehen, wie das Bühnenbild entsteht, wie es zum Teil aus Elementen zusammengesetzt wird, die kaum einer der Besucher einem Puppentheater zuordnen würde. Mal sind es aufwendig erstellte Puppen und Figuren, wie der Weidenstamm, der zum „Erlkönig“ mutiert, ein anderes Mal ist es ein bemaltes Stück Papier, das den „König im Norden“ darstellt.
Hinzu kommt noch eine Lichttechnik, die Bühne und Puppen effektvoll in Szene setzt. Daher sei noch einmal erwähnt: Ulrich Treu spielt alleine, es ist nur eine Person, die dies alles bewältigt!
Wer diese Inszenierungen erlebt, könnte meinen, die alten Meister hätten keine Gedichte, sondern Drehbücher geschrieben. Und sie hätten diese für Ulrich Treu geschrieben. Wer gesehen hat, wie er als „Zauberlehrling“ auf der Bühne erscheint, im „Totentanz“ die Skelette aus den Särgen hervorsteigen lässt oder in der „Bürgschaft“ die Silhouette des Königs darstellt, wird geprägt bleiben von dieser hohen Kunst des Puppenspiels. Erstaunt hat man in seiner Biografie gelesen, dass er das Puppenspiel studiert hat, ihn Tourneen nach Japan, Mexiko und viele weitere Teile der Welt geführt haben. Wer Ulrich Treu live erlebt hat, weiß warum er diese Einladung erhielt und immer wieder bekommt.

Fester Bestandteil seines Programms ist aber nicht allein sein Puppenspiel, sondern auch eine Pianistin, die ihn am Klavier begleitet. An diesem Abend saß Naoko Fukumoto am Flügel. Sie hat kürzlich ihr Examen als Konzertpianistin abgelegt und zeigte mit längeren Einlagen zu Beginn der beiden Spielhälften Ausschnitte ihres Könnens. So sorgte sie nicht nur für die musikalische Untermalung der Balladen, sondern verstand es auch, eigene Akzente zu setzten, wie beispielsweise mit einer Sonate von Haydn.

Nach anderthalb Stunden war der Applaus groß, die Zuschauer wollten die Künstler noch nicht entlassen. So erzählte Ulrich Treu mit Nis Randers noch eine Geschichte von der Nordseeküste. Diese Heldengeschichte stellte er so abstrakt dar, dass sie mehrfach durch schallendes Gelächter unterbrochen wurde.
Der Künstler, eigentlich schon mit Handtuch und Kulturtasche auf dem Weg unter die Dusche, improvisiert die Rettungsaktion dieser Ballade. Nis Randers und das hohe, harte Friesengewächs werden durch Zahnbürsten dargestellt, die Mutter mit Hilfe einer Wurzelbürste und der Schiffbrüchige Uwe im Wrack auf der Sandbank mittels eines Rasierpinsels.

In der Berliner Zeitung stand kürzlich, Ulrich Treus Puppentheater sei in Berlin eine Institution. Für das PEP-Programm gilt dies auch!

 

Oliver Zantow