Kalla Wefel

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 1:37

Das Leben ist das reinste Kabarett

Kalla Wefel war in der Ulmenhofschule zu Gast

 

"Kabarett nimmt Täter ins Visier und Comedy macht sich über Opfer lustig", sagte Kalla Wefel, als wir nachts noch bei Apollo saßen und mit ihm über seine Branche sprachen.

Was Kalla Wefel Stunden zuvor auf der Bühne geboten hat, war in diesem Sinne nicht nur Kabarett, es war über weite Strecken Realsatire. Kalla Wefel denkt sich viele seiner Gags und Pointen nicht aus, er entnimmt sie dem alltäglichen Leben. Und so erntete er ebenso oft wie herzhaftes Lachen auch fassungslose Blicke. Nicht ohne ein Schmunzeln versteht sich, denn der schwarze Humor scheint in unserer Lebenswirklichkeit auf der Straße zu liegen. Kalla Wefel hebt ihn nur auf.

Da sein Programm "Klingelts endlich?" uns in die Wirklichkeit der Schule entführte, streifte er in der Rolle des Lehrers verschiedene Fächer, natürlich ohne den gesellschaftlichen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Und wo Schule thematisiert wird, ist PISA bekanntlich nicht weit. Sein Gedanke zum schlechten Abschneiden der deutschen Schüler: "Haben Sie die Eltern mal gesehen von den Kindern? Alles schimpft auf die Lehrerinnen und Lehrer, aber niemand redet über die Eltern!"

Das Thema der folgenden Bio-Stunde lautete: "Lebenserwartung oder was erwarten wir vom Leben. Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden." Auf der Suche nach Kriterien für eine höhere Lebenserwartung kam er dann ziemlich schnell auf die Ernährung zu sprechen. Allerdings: "Vegetarier werden nicht älter - sie sehen nur älter aus."

Eine sehr niedrige Lebenserwartung haben Kalla Wefel zufolge übrigens die Köche. Was ihn wiederum hoffen ließ, dass dann "diese dämlichen Koch-Sendungen im Fernsehen bald aufhören".

Richtig warm zu werden schien Kalla Wefel, als er sich nach der großen Pause in seiner Deutschstunde auf die Rechtschreibung stürzte. Er hatte selber mal bei einem großen Schulbuchverlag gearbeitet und war nun in seinem Element. Zunächst machte er sich über Handbücher her, die ein Übersetzungsprogramm erstellt hatte (Zitat aus einem solchen Werk: "Wir haben die Welt gesucht, um Ihre Bedürfnisse zu finden."), ehe er dann gegen den Duden zu Felde zog.

Zunächst verglich der den mächtigen aktuellen Rechtschreibduden mit einer Ausgabe von 1943: "Damals muss wohl das Papier viel dünner gewesen sein."

Aus dem alten Duden zitierte er dann noch eine Definition für Konzentrationslager: Sammel- und Vernichtungslager für Volksschädlinge. "Aber es hat ja keiner was gewusst früher. Komisch, die haben wohl alle keinen Duden gehabt."

Doch dann kam er zur aktuellen Rechtschreibreform, die keine sei, weil sie nicht konsequent genug wäre. Nochmal mit Blick auf die PISA-Studien sagte er: "Hätten wir die Kleinschreibung eingeführt, wären 68% der Rechtschreibfehler weg und Deutschland auf Platz 4 vorgeschnellt."

In Sachen Zeichensetzung empfahl Kalla Wefel die Kommaregel der Finnen: Immer, wenn du in Gedanken atmest, setzt du ein Komma.

Aber endlich eindeutig sei nun geregelt, wann ein ß und wann ss zu schreiben wäre. Um das ß machte Kalla Wefel sich allerdings große Sorgen. So erzählte er, dass Schweizer Amtsstuben bereits im 19. Jahrhundert auf das ß verzichten durften. Ursache dafür war ein Großeinkauf von Schreibmaschinen. Die Schweiz entschied sich damals für im Vergleich zu deutschen Maschinen günstigere französische. Diese allerdings enthielten keine ß-Taste. Bis heute sei eine Rechtschreibregel darauf zurückzuführen, die besagt, dass man auf das ß verzichten könne, wenn die Schreibmaschine oder der Computer keine ß-Taste enthielten. Und noch bei der ersten Duden-Konferenz hundert Jahre später (1987) bestand die Schweiz darauf, dass das ß in Frage gestellt werde. "Weil die französischen Schreibmaschinen billiger waren damals!!"

Der Realsatiriker war in seinem Element.

Zum Highlight des Abends geriet die Musikstunde. Kalla Wefel griff zur Gitarre und erklärte, warum Musik und Texte damals besser waren als die Techno-Musik der heutigen Jugend. Sie brauchten früher nur die Akkorde G-C-D-C, um Rockgeschichte zu schreiben, oder sie spielten das Ganze in halber Geschwindigkeit und hatten den Blues. "Dann hauten wir uns einen Joint in die Fresse und zeugten Kinder. Was sollte dann anderes herauskommen als Techno hörende Kids?"

Eine knappe halbe Stunde führte uns Kalla Wefel durch die Geschichte der Rockmusik, spielte verschiedene Stücke an, stellte immer wieder Quiz-Fragen und verfiel erneut in seinen legendären G-C-D-C-Groove.

Kalla Wefel wäre allerdings ungenau vorgestellt, würde man den Sozialkritiker vernachlässigen. Zu Grönemeyers Hit "Männer" sang er einen Text über "Reiche" oder aus Bob Dylans "Times they are changing" wurde "Es kommen andere Zeiten". "Bin gespannt, wann wieder Proteste in Deutschland losbrechen?", fragte Kalla Wefel. "Aber solange RTL und Sat1 senden dürfen und der 6er-Pack bei Aldi so billig ist, passiert da nichts", resümierte er. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die reichen Aldi-Brüder noch nie einen Euro Steuern gezahlt hätten.

Manchmal ist das Leben das reinste Kabarett. Kalla Wefel hat das unterhaltsam und eindrucksvoll deutlich gemacht.

 

Oliver Zantow