Saitenfestival 2006

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Saitenfestival 2006

Ein Blick aus den Kulissen von Hans Pfeiffer

Es kommt wohl eher selten vor, dass ein Künstler einen Rückblick für sein eigenes Konzert schreibt: der Erfolg oder auch Misserfolg eines Konzertes sollte schließlich stets von anderen beschrieben werden. So wird dieser Rückblick eine andere Geschichte erzählen, in welcher die Ereignisse vor, während und nach dem Konzert ihren Platz finden sollen.

Do, 19. Oktober, 14:00 Uhr :

Der erlösende Anruf aus Graz kommt – Manuela und Reinold steigen morgen in den Flieger und werden am frühen Nachmittag bei mir eintreffen. Das Wochenende über beherbergen wir die beiden. Im Vorfeld hatte es Probleme gegeben. Reinhold musste aus gesundheitlichen Gründen seine Konzertbeteiligung absagen. An seiner Stelle hatte Manuela spontan seinen Platz eingenommen. Aber bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob ich den Abend wohl alleine zu gestalten hätte, aber mit dem Telefonanruf ist diese Sorge nun verflogen.
Reinold kenne ich von Internationalen Gitarrensymposien, und ich bin mir sicher, dass die nächsten beiden Nächte bei den vielen Gesprächen wohl eher kurz ausfallen werden.

Freitag, 20 Oktober 13:00 Uhr :

mir bleiben knappe zwei Stunden zum Spielen. Vorher noch den Rest erledigen, damit alles für unsere Gäste bereitgelegt ist. Ich übe nur die schwierigen Passagen, mit Metronom, im Zeitlupentempo.

Freitag, 20.Oktober 15.00 Uhr :

Ich hole Manuela und Reinold vom Wrister Bahnhof ab, bringe sie kurz in unser Haus und erledige dann die Einkäufe.
Als wir etwa eine Stunde später zurückkommen, schläft Reinold im Wohnzimmer, Manuela ist in meinem Musik- Zimmer und beginnt mit ihren Übungen. Es ist etwas kalt, wir stellen den Elektroheizlüfter an. Ich lasse Manuela allein, horche aber hinter der Tür ein paar Minuten, was sie spielt. Dann ist mir schnell klar, dass Manuela wohl ein Spitzenkonzert abliefern wird.

Am Abend hole ich dann ein paar Flaschen Bier. Während Adele, Reinold und ich noch über die letzten Gitarrensymposien reden, spielt Manuela „noch einen Durchgang". Als sie auch nach zwei Stunden noch immer spielt, wissen wir, dass da wohl noch ein weiterer Durchgang stattfinden wird. Wir beschließen, sie ganz in Ruhe zu lassen.

Am späten Abend kommt sie dann doch noch runter zu uns und freut sich über unser Verständnis für ihr Spielen – naja, unter Gitarristen sollte das wohl selbstverständlich sein ...

Samstag Vormittag :

Reinold weiß noch nicht genau, ob er heute abend spielen wird. Wenn, dann etwas Blues, also fahren wir bei Chris vorbei und leihen uns seine (legendäre) Martin-Western-Gitarre. Reinold spielt bei Chris ein wenig – Chris ist sichtlich begeistert !
Am Nachmittag spielt Manuela noch ein paar Mal ihr Konzert. Ich habe nur einige kleinere Übungen gemacht und spiele bewusst sehr wenig, damit ich am Abend die richtige Lust zum Spielen habe.
Reinold kann's nicht fassen, dass ich mein Programm noch immer nicht endgültig festgelegt habe, sondern erst während des Konzertes entscheiden werde, welche Stücke ich spielen werde. Kommt darauf an, wie es mir während des ersten Teils geht und wie das Publikum sich verhält.

Gegen 17:00 Uhr fahre ich zum Aufbau in das Pfarramt. Ich suche erst mal den Lichtschalter, danach die ganzen Stühle und fange schon mit dem Aufstellen an. Wenig später kommen Erk und Chris vorbei, um die Technik zu installieren. Ein kurzer Soundcheck, alles läuft prima. Langsam komme ich in Stimmung.

Es ist kurz vor acht – die Anspannung steigt, und mit dem Adrenalin auch die Vorfreude auf das Konzert. Ein Blick in den Saal – ich bin erstaunt, wie voll der Saal jetzt mit Zuhörern ist, damit habe ich nicht gerechnet. Ich begrüße kurz ein paar bekannte Gesichter im Publikum und ziehe mich in einen kleinen Nebenraum zurück um die Finger aufzuwärmen.

Es geht los, Chris macht eine kurze Ansage, die ich aber kaum mitbekomme. In Gedanken bin ich schon bei meinem ersten Stück und meiner Ansage hierzu. Ich nehme dann auf der Bühne Platz und lasse mir die Zeit, einen längeren Blick auf das Publikum zu werfen, die Gitarre noch einmal durchstimmen, dann geht's los.

Ich beginne mit einer Samba, „No time". Im Publikum ist es sehr still, ein phantastisches Zeichen für ungeteilte Aufmerksamkeit – das größte Geschenk, welches man einem Künstler überhaupt machen kann. Die ersten Momente auf der Bühne sind die spannendsten – als Solist ist man jetzt ganz auf sich selbst angewiesen, die Nervosität muss in Freude umgesetzt werden. Das erste Stück ist immer das schwierigste – es muss locker von der Hand gehen, darf nicht zu einfach und nicht zu schwierig sein.

Der letzte Akkord ist gespielt, langsam verhallen die Töne bis nichts mehr übrig bleibt als Stille ... dann kommt der Applaus. Ich bin angekommen.

Die nachfolgenden Stücke fließen einfach, ich fühle mich sehr wohl auf der Bühne und beschließe daher, die wirklich schwierigen Stücke zu spielen. Das Risiko, dass man irgendwo hängen bleibt, ist immer gegeben, aber wer nichts wagt kann auch nichts gewinnen.
Die Zeit vergeht schnell für mich, erst viel später habe ich realisiert, dass aus den geplanten 45 Minuten Spieldauer fast eineinhalb Stunden geworden sind.

Manuelas Konzert ist wie erwartet: Hochklassige Stücke mit einer beneidenswert ruhigen Hand gespielt. Auch bei ihr ist die Aufmerksamkeit des Publikums ungebrochen, so das auch in den leisen Passagen kein Ton verloren geht. Der langanhaltende Applaus und die Aufforderung zu einer Zugabe kommen nicht überraschend.

Ich hatte schon vor dem Konzert geahnt, dass Reinold wohl doch zur Gitarre greifen wird, dann marschiert er auf die Bühne und spielt zwei Bluesstücke, das erste hiervon mit gewaltigem Sound, das zweite hingegen einfühlsam und akzentuiert. Danach holt Reinold Manuela und mich noch mal auf die Bühne, jetzt spielen wir zu dritt einen improvisierten Blues, und das obwohl dies nicht meiner musikalischen Ausrichtung entspricht. Aber der Funke springt über, alle drei haben wir viel Spaß am Spielen und die Reaktion des Publikums verrät, dass das ein würdiger und guter Abschluss eines Konzertes ist.

Sonntag, 22 Oktober

Ich fahre mit Manuela und Reinold nach Meldorf. Wenn sie schon mal hier sind, dann sollten sie zumindest die Nordsee mal gesehen haben. Wir machen einen längeren Spaziergang auf dem Deich und verabreden, dass ich nächstes Jahr auf ein verlängertes Wochenende nach Graz fliege. Am Nachmittag suchen wir noch ein Fischrestaurant auf und fahren von dort aus zum Hamburger Flughafen, um Reinold zu verabschieden.

Den Abend bei uns verbringen wir noch mit Gesprächen über Musik.
Am nächsten Morgen fährt auch Manuela dann zum Flughafen, dann beginnt wieder der Alltag. Ich bin wieder zurück.