Abschied vom Hütepfuhl

Gespeichert von Webmaster am 7. Dezember 2010 - 1:16

„Was ist eigentlich ein Hütepfuhl?“

Erk Böteführ zur Lesung von Oliver Zantow

Es gibt bei fast allen PEP-Veranstaltungen ein immer wiederkehrendes Ritual. Bevor ein Künstler oder Autor die Bühne betritt, begrüßt PEP-Vorsitzender Oliver Zantow das Publikum und stellt die jeweiligen Hauptpersonen des Abends kurz vor.

Dieses Mal aber trat Oliver Zantow nicht als PEP-Mitglied ins Rampenlicht, sondern als Autor der biographischen Erzählung „Abschied vom Hütepfuhl“. Stellvertretend angekündigt und begrüßt wurde er von der 12jährigen Inga Nötzelmann, die sich zugleich auch an Oliver Zantow  mit der Frage wandte: „Was ist eigentlich ein Hütepfuhl“? Zantow versprach, diese Frage im Laufe seiner Lesung zu beantworten.

„Abschied vom Hütepfuhl“ behandelt die Geschichte seiner Familie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Im Zentrum der Erzählung stehen seine Großeltern Frieda und Erich, die in Pommern bzw. Ostpreußen unter ärmlichen Bedingungen aufwachsen, und ihre dramatische Flucht bis nach Schleswig-Holstein, genauer gesagt nach Kollmoor.

Ist „Abschied vom Hütepfuhl“ für den Autor Oliver Zantow vordergründig eine intensive Begegnung mit der Vergangenheit seiner Familie, so gibt er den Lesern einen detailreichen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse einfacher Arbeiterfamilien. Dabei lenkt er geschickt den Blick auf die Frage, in welcher Weise die großen Ereignisse der Weltpolitik Einfluss auf ihr Leben nahmen und wie die Menschen auf sie reagierten.   

Es versteht sich, dass für ein solches Projekt eine Unmenge an Recherche nötig war. Oliver Zantow hat viele Gespräche mit den beiden Protagonisten, mit Verwandten und Bekannten geführt, hat Akten studiert und ist selbst dreimal nach Polen gereist, um die dortigen Verhältnisse kennen zu lernen und weitere Details in Erfahrung zu bringen. Im Laufe des Abends machte er deutlich, dass er diese Arbeit durchaus noch nicht als beendet ansieht. Um weitere Informationen zu sammeln, hat Oliver Zantow den „Abschied vom Hütepfuhl“ mittels einer speziellen Homepage zu einem interaktiven Buch gestaltet, zu dem Leser auch eigene Erfahrungen beitragen können.

Mit welcher Hingabe der Autor sich diesem langjährigen Projekt gewidmet hat, konnten die Besucher unter anderem daran erkennen, dass er keine Mühe gescheut hatte, anhand von vielen aufwändig gestalteten Materialien wie Karten und Bildern seinem Text eine zusätzliche Dimension zu verleihen.

Dabei hätte es dessen nicht wirklich bedurft, denn der Text spricht durchaus für sich. Seine einfache, aber bildreiche Sprache lässt das Leben in den pommerschen und ostpreußischen Dörfern lebendig werden. Eine gewisse Beschaulichkeit des dörflichen Lebens weicht der Dramatik und Spannung, als die Familien von Frieda und Erich sich auf den langen Weg nach Westen begeben.

Oliver Zantow gelingt das Kunststück, so nah wie möglich an den realen Begebenheiten zu bleiben, und dennoch das ganz persönliche Fluchtdrama zweier Familien in einer steil anwachsenden  Spannungskurve zu dokumentieren. Er hat mit seinem Buch seinen Großeltern ein ganz persönliches Denkmal gesetzt, aber zugleich schärft er bei seinen Lesern die Wahrnehmung für die zahllosen ähnlich gelagerten Schicksale. Die Wirkung des Textes liegt gerade darin, dass er auf der Folie eines biographischen Hintergrundes Entbehrung, Angst, Leiden, Schmerz und Verlust für den Leser erfahrbar macht. Ausdrücklich hinzugefügt sei, dass er dies ohne jegliche revisionistische Gedanken tut.  

Im anschließenden Gespräch beantwortete Oliver Zantow bereitwillig viele Fragen aus dem Publikumskreis. Nur Ingas Anfangsfrage wurde darüber fast vergessen: Was ist ein Hütepfuhl?

Wer das Rätsel lösen möchte, schaue einfach nach unter www.huetepfuhl.de .