Klaus Hoffmann

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 23:59

 

Von dem Abenteuer, Klaus Hoffmann in Kellinghusen zu veranstalten

erzählt Oliver Zantow

 

Wissen Sie, was sich hinter der Nummer 205, ½ CTO verbirgt? Nein? Wir auch nicht. Zumindest kaum jemand von uns wäre darauf gekommen, dass dies die Bezeichnung des Farbfilters ist, mit dem die Bühne für Klaus Hoffmann ausgeleuchtet werden muss. Solche Filter haben wir nicht. Aber dafür andere. Nicht ganz genau in diesem gelb-orange Farbton, aber schöne blaue oder rötliche.

Die kommen überhaupt nicht in Frage? OK. Und was machen wir nun? Wir können zwar ohnehin nur einen Bruchteil der laut Bühnenanweisung benötigten Scheinwerfer zur Verfügung stellen, doch selbst die verbleibende Anzahl können wir nicht einheitlich mit diesem Farbton bestücken. Dennoch: Wir wollen alles versuchen. Wir rufen befreundete Musiker an, aber die sind entweder mit ihrem Material unterwegs oder verfügen ebenfalls nicht über ein solches Equipment. Bei Musikfachgeschäften lassen wir minutenlang das Telefon klingeln, aber die Kollegen befinden sich samstags um 16 Uhr längst im Wochenende. Alternativ würde es auch ein Verfolgerspot tun? Aber solch ein Gerät haben wir nicht, das hatten wir ja auch im Vorwege mitgeteilt. Organisieren? Jetzt? Woher das denn?

Da klingelt das Telefon und einer der befreundeten Musiker ruft zurück. Im Bürgerhaus sei eine Veranstaltung. Und daher sei auch der Hausmeister anwesend. Und der könnte uns mit Farbfiltern aushelfen.

Ich springe ins Auto und flitze ins Bürgerhaus. Dort bekomme ich eine ganz neue Rolle dieser Farbfolien, mit der ich dann ganz stolz in die Ulmenhofschule zurückfahre. Ist zwar nicht die Nummer 205, aber 204. Das wird ja wohl so ähnlich sein und auch funktionieren…

Der Tourbegleiter sieht das anders, lässt sich aber erweichen und wir zerlegen die Farbfolie vorsichtig in 12 gleichgroße Stücke, damit alle für diese Farbstimmung benötigten Scheinwerfer auch ein Stück abbekommen. Dieses Problem scheint gelöst.

Mit dieser Anekdote möchte ich keineswegs den Anschein erwecken, als würden überzogene technische Anforderungen an uns gestellt. Das Gegenteil ist der Fall. Fast jeden zweiten Punkt der Bühnenanweisung für diese Show haben wir nach unten korrigieren müssen. Und das ist auch alles bereitwillig hingenommen worden. Klaus Hoffmann und Hawo Bleich, Hauke Tedsen von der Karsten Jahnke Konzertdirektion, der Tontechniker Andy Wegener: alle wissen, dass das Konzert in der Ulmenhofschule Kellinghusen stattfindet und nicht im Kieler Schloss. Und die Bühnenanweisung ist ja keine Schikane, sondern ein fester Bestandteil der Show und deren Wirkung auf die Zuschauer. Und Klaus Hoffmann ist kein Amateur. Er ist Profi. Einer der ganz großen Stars unter den deutschen Liedermachern. Seit Jahrzehnten erfolgreich. Der singt Bundesliga. Da ist es selbstverständlich, dass wir aus unserem kleinen Provinzstadion alles rausholen müssen, damit dies ein gelungener Abend wird. Die Besucher zahlen einen hohen Eintrittspreis und erwarten zu Recht eine tolle Show. Und genau darauf zu achten, ist eine der Aufgaben von Andy Wegener. Ebenso professionell wie einfühlsam gelingt ihm dies auch. Jeder vertretbare Kompromiss wird realisiert und nahezu liebevoll erklärt er uns Laien, wie wir welches Case zu öffnen, an welchem Verschluss wir wie zu drehen haben, damit wir das Mischpult, die Boxen und anderes Equipment herausbekommen.

Eigentlich ist es ja auch nur eine ganz kleine Produktion, dieses Jacques Brel Programm. Nur zwei Musiker auf der Bühne. Ein Flügel, eine Gitarre und die PA wird auch noch gestellt.

Aber dennoch beschäftigt uns dieses Konzert seit Monaten, haben wir etliche Vorstandssitzungen und Vorbereitungstreffen mit der Organisation dieses Abends zugebracht.

Da war zum Beispiel die Diskussion über die Eintrittspreise. Die Produktionskosten wollen wir schon gerne wieder hereinbekommen und die Kapazitäten der Ulmenhofschule sind begrenzt. Und da die Ulmenhofschule nun einmal nicht das Kieler Schloss ist, können die Karten bei uns auch kaum mehr kosten als in den eleganten Theatersälen mit ihren großen Bühnen und gepolsterten Sesseln.

Nach einiger Diskussion hatten wir uns darauf verständigt, Karten in unterschiedlichen Preiskategorien anzubieten. Die vorderen Reihen sollten teurer sein als die hinteren oder die Stehplätze. Das klingt plausibel. Aber üblicherweise kopieren wir unsere Eintrittskarten auf gelbem Karton und stempeln diese dann noch einmal, damit niemand anderes auf die Idee kommt, noch ein paar weitere Kopien davon anzufertigen. Dann kommen die Zuschauer in die Halle und suchen sich einen Platz. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt müssen wir die Karten in der Preisklasse 1 nummerieren und farblich abgrenzen. Also muss jede Karte einzeln ausgedruckt werden. Aber wie viele Karten beinhaltet denn diese Preisgruppe? Also trafen wir uns vor dem nächsten Konzert in der Ulmenhofschule etwas früher und krabbelten mit einem Zollstock über den Fußboden, um exakt auszumessen, wie viele Stühle in welche Reihe passen.

Aber wie viele Reihen rechtfertigen denn solch einen höheren Eintrittspreis? Die ersten fünf? Dann nehmen wir nicht genug ein. Die ersten zehn? Die Plätze sind schon zu weit von der Bühne entfernt. Schließlich einigen wir uns auf 6 Stuhlreihen und rote, nummerierte Eintrittskarten. Die übrigen werden dann im PEP-typischen Gelb gedruckt.

Beim Aufbau der Stühle, die wir mit einem Anhänger aus der benachbarten Grundschule holen, stellen wir dann zumindest erleichtert fest, dass alle am Ende so stehen, wie es die Skizze vorhergesagt hat. Nun ist für jeden Besucher mit einer nummerierten Karte auch ein entsprechender Platz da. Aber woher sollen die Zuschauer wissen, welcher Platz ihrer ist? Unsere Stühle sind doch nicht nummeriert. Also holen wir das mit Hilfe von hübschen, runden Aufklebern nach. Auch die übrigen Sitzplätze bekommen alle einen Aufkleber. Zwar ohne Nummer und in einer anderen Farbe, aber einen Aufkleber. Natürlich braucht niemand ein Diplom, um zu erkennen, dass ein Stuhl einem Sitzplatz entspricht. Aber da wir jeden Quadratmeter der Ulmenhofschule durchkalkuliert haben, gilt dies auch für alle vorhandenen Bänke. Nach einem Probesitzen legen wir fest, ob vier oder fünf Aufkleber eine entsprechende Anzahl von Sitzplätzen markieren.

Und dann war da noch die Sache mit dem Piano. Für den Aufbautag wurde ein exakter Stundenplan erstellt: Um zwölf Anlieferung des Flügels, von zwölf bis eins aufbauen und nachstimmen desselben. Um dreizehn Uhr eintreffen des Technikers, anschließend beim Ausladen helfen. Und so weiter. Ein Stundenplan, wie er eben in eine gute Schule gehört. Nur dass unser Ganztagsunterricht erst in der Nacht zu Ende gehen sollte.

Um zwölf trafen dann auch die ersten Helfer ein. Und mit ihnen ein Klavierstimmer, falls das hochwertige Instrument auf dem Weg von Hamburg nach Kellinghusen den einen oder anderen Ton verloren haben sollte. Was nicht kam, war der Flügel. Um halb eins riefen die Nerven nach genaueren Informationen. Ein Anruf ergab, dass der Flügel so gut wie auf dem Weg sei. Und überhaupt, wir bestellten immer so kurzfristig und immer müsse er – unser Klavier-Verleiher – zu nachtschlafender Zeit aufstehen, um für PEP tätig zu werden…

Ah ja. Aber wir hatten doch einen Vertrag abgeschlossen. Und sogar eine Bestätigung erhalten. Und selbst die Zeiten waren darin abgestimmt. Na, was soll`s, vielleicht hatte er eine schlechte Nacht.

Dennoch war es dann fast halb drei, als der Flügel endlich eintraf. Das soweit zu unserem Stundenplan. Aber wenigstens brauchte das Instrument nicht nachgestimmt zu werden. Unser Fachmann konnte nach stundenlangem Warten ein paar Stücke anspielen und dann nach Hause fahren.

Der Rest der Aufbautätigkeiten war Routine. In der Küche wurde gewirbelt, um aus einem Werkraum eine Garderobe zu machen, die Getränketresen wurden aufgebaut.

 

Wo ist eigentlich der Standspiegel, den die Musiker haben wollten?

Welcher Standspiegel? Keine Ahnung.

Na, ich geh mal suchen.

Ach, und kannst du dem Tourmanager noch mal bitten, seinen Merchandising-Stand zu verlegen. Da, wo er jetzt aufgebaut hat, sollen auch Zuschauer stehen…

Ja, geht in Ordnung, aber wenn er seinen Stand in der vorgesehenen Nische aufbaut, braucht er noch eine Lampe, um zu sehen, was er da verkauft.

Hat jemand zufällig eine Schreibtischlampe oder Ähnliches im Auto?

Du holst eine von Zuhause? Das ist nett.

 

Viele unserer Konzertbesucht nutzen mittlerweile die Möglichkeit, über unsere Homepage Karten zu bestellen. Schade nur, dass nicht alle – trotz ausdrücklicher Hinweise – diese auch rechtzeitig bezahlen und abholen. Eigentlich könnten wir diese Karten dann an der Abendkasse wieder anbieten. Weil wir aber ein netter Veranstalter sein wollen, tun wir das nicht und halten die Plätze frei. Leider hat unser Kassenteam dann eine unentspannte Stunde vor sich. Denn nun gilt es bei jedem Besucher in langen, nicht immer ganz übersichtlichen Listen nachzusehen, ob er oder sie die Karten bereits bezahlt oder dies noch nachzuholen hat. Und bei einem Abend wie diesem kommen etliche Besucher. Was uns grundsätzlich ja auch sehr freut. Aber unsere Besucher wollen in die Halle und nicht in der Schlange vor der Kasse warten.

 

Mittlerweile ist der Soundcheck beendet, an den Scheinwerfern wird immer noch gebastelt.

 

Aber dann steht alles an seinem Platz, alle Lampen leuchten in der richtigen Farbe. Die Zuschauer strömen in die Aula und erleben wunderbare Stunden.

 

Danach wird der ganze Film zurückgespult. Nur dass jetzt noch mehr Helfer gebraucht werden als beim Aufbau, weil nun alle Tätigkeiten parallel ausgeführt werden sollen. Wir möchten uns die Chance erhalten, nicht allzu weit nach Mitternacht die Türen abzuschließen, nicht deutlich mehr als zwölf Stunden im Einsatz zu sein.

Zum Glück gibt es für ehrenamtliche Tätigkeiten keine tariflichen Vorschriften…

 

Also wird die Bühne wieder abgebaut, werden die Scheinwerfer wieder von ihren Farbfiltern befreit. Leere Getränkekisten werden ins Auto gehievt, aus der Garderobe wird wieder ein Werkraum.

Auch die Stühle werden wieder in die Grundschule zurückgebracht. Das zieht sich allerdings noch etwas hin. Denn den Aufklebern gefiel es so gut auf den Stuhllehnen, dass sie da gar nicht wieder weg wollen. Also helfen wir mit Lappen und Spüli nach. Bei jedem Stuhl. Und es sind viele, denn viele Besucher wollten diese tollen Künstler sehen…

 

Aber wir haben all dies gerne getan. Und wir würden es jederzeit wieder tun. Denn einen Künstler wie Klaus Hoffmann ansagen zu dürfen, gehört zweifellos zu den schönsten Erlebnissen eines kleinen Veranstalters.

Klaus Hoffmann singt Jacques Brel. Das ist eigentlich nur die halbe Wahrheit. Ob im Walzer- oder im Tangoschritt: Klaus Hoffmann tanzt Jacques Brel. Ob beim Lied vom Säufer oder dem Stück über die Spießer: Klaus Hoffmann spielt Jacques Brel. Kurzum: Klaus Hoffmann steht auf der Bühne und lebt Jacques Brel.

Und er demonstriert, was er mir kurz zuvor in einem Interview noch erzählt hat: Du musst physisch topfit sein, wenn du auf die Bühne gehst. Singen ist eine sehr anstrengende Tätigkeit.

Wenn es um seine Kunst geht, kennt Klaus Hoffmann keine Kompromisse. Er unterhält die Zuschauer mit seinen Erzählungen, er fesselt sie mit seiner Mimik und Gestik. Er ist kurzweilig durch seine vielen Anekdoten. Er ist spontan. Fällt eine Flasche um, erwähnt er dies prompt in der nächsten Zeile seines Liedes, mehrfach spielt er auf Kellinghusen („Kellinghausen“) an.

Klaus Hoffmann: der Sänger, der Schauspieler, der Entertainer.

Klaus Hoffmann, der Star mit seiner unbeschreiblichen Bühnenpräsenz.

Und der Star ohne jegliche Allüren. Er nimmt sich Zeit für Gespräche, gibt geduldig Autogramme.

Er hat Spaß an diesem Abend. Kein kritisches Wort kommt über seine Lippen, er gibt uns das Gefühl, als würde er immer in Schulforen auftreten.

 

Vielleicht hängen wir uns deshalb so rein und tun so, als könnten wir für einen Abend aus der Ulmenhofschule das Kieler Schloss machen.