Ulla Meinecke

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 23:58

 

Gerade noch Ulla

 

Der Plan B war schon besprochen, alles deutete darauf hin, dass der Auftritt von Ulla Meinecke ohne mich stattfinden würde. Unser Sohn hatte beschlossen, sich nicht an den sorgsam geplanten Stichtag zu halten. Es gefiel ihm offensichtlich hervorragend in Mamas Bauch und mit jedem Tag sank die Wahrscheinlichkeit, Ullas zweiten Auftritt in Kellinghusen mitzuerleben.

Bei dem Helfertreffen zur Vorbereitung dieser Veranstaltung konnte ich trotz dünner Personaldecke nur mit Fragezeichen dienen.
Aufbaubeginn 15 Uhr: Im Prinzip schon, aber ihr wisst ja…
Vorher um 13 Uhr noch die vom Sturm niedergestreckte Stellwand aufrichten: Klar, wenn der Kleine mich noch lässt…
Für den Abbau nach der Show: Schreib mich gerne mit auf – aber vergiss die Fragezeichen nicht…

Eine Packung Himbeerblätter-Tee und hunderte Treppenstufen später war es so weit. Nein, nicht das Baby kündigte sich an, Ulla Meinecke und ihr Gitarrist Ingo York taten es. Sie saßen im Zug und schaukelten Wrist entgegen.

Statt Windeln zu wechseln, half ich die Stellwand beim Baumarkt wieder aufzurichten. Natürlich griff ich dabei alle zwei Minuten nach dem Handy in der Jackentasche. Es war zwar extra laut eingestellt, aber man weiß ja nie…
Wir waren aller Skepsis zum Trotz fünf Leute auf unserer kleinen Baustelle, die sich hier jedoch nicht lange aufhalten wollten. Der eisige Wind trieb uns an und sorgte dafür, dass wir die Metallhülsen noch etwas schneller in den Boden rammten.

Rainer machte sich auf den Weg, die Künstler vom Bahnhof abzuholen, Chris, Mike, Hans, Peter, Gaby, Adele, Susanne und die anderen begannen damit, die Ulmenhofschule herzurichten. Ich fuhr schnell nach Hause und ging mit meinem Schatz noch eine Weile spazieren. Vielleicht setzen die Wehen ja doch noch ein?!
Da dies nicht der Fall war, wechselte ich erneut den Schauplatz und begab mich in die Ulmenhofschule. Nicht nur meins, auch einige andere Fragezeichen hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst und so sah das Forum schon beinahe wie ein Theatersaal aus. Die Stuhlreihen standen, der Vorhang hing bereits hinter den schon gestimmten Mikrofonen, im Werkraum befand sich das Catering. Nicht einmal der gewünschte Standspiegel fehlte.

Zwei Stunden später streichelte ich wieder den Bauch, den unser Baby partout nicht verlassen wollte. Da es zumindest noch keine konkreten Anzeichen dafür gab, machten wir uns gemeinsam auf den erneuten Weg in die Ulmenhofschule.

Noch ein paar Absprachen mit Ulla, eine kurze Ansage und dann sang sie.
„Wenn zwei zueinander passen…“ Ja.
Nach wenigen Liedern setzte sie sich an den kleinen Tisch und führte uns durch ihr Leben. Sie begann im Sommer 66.
Die kleine Ulla befindet sich im Ferienlager und wird mit den Stones konfrontiert. „Jumpin´ Jack Flash“ löst die Initialzündung aus, danach lernt sie Gitarre spielen. Aber es war damals für Mädchen praktisch unmöglich, ihr Können in einer Band unter Beweis zu stellen.
Zehn Jahre später dann die Sache mit Lindenberg. Er ruft sie eines Nachts an, sie fährt nach Hamburg. Ein Demo-Band hatte ihn beeindruckt, kurz darauf ist sie seine Sekretärin. Cinderella der Rock-Musik. Äußerst unterhaltsam erzählt Ulla Meinecke von ihren Erlebnissen mit Udo Lindenberg, hebt besonders seine Geschäftstüchtigkeit hervor: „Daß er häufig alkoholische Getränke zu sich nahm, ist kein Geheimnis. Er hätte beduselt aus dem Taxi fallen können, der Satz `Quittung bitte´ wäre ihm noch im Liegen über die Lippen gekommen.“
Sie nahm mit Udo eine Platte auf, ging mit ihm auf Tournee. Allerdings noch nicht als Sängerin, sondern um sich um all seine Belange zu kümmern. Ihr erstes Album kam 77 heraus, die Kritiken waren nur mäßig.
1979 beendet Ulla ihren Job bei Udo und geht nach Berlin. Weitere Platten folgen und schließlich 83 der große Durchbruch mit „Wenn schon nicht für immer dann wenigstens für ewig“. Weitere Alben entstehen und auch ein Haufen Ärger. Wir erfahren, wie schnell voller Enthusiasmus ein Plattenvertrag unterschrieben ist und wie viele Jahre es dauert, sich aus dem Vertrag wieder herauszuklagen.  

Dann ist Pause und unser Junior in spe bekommt Konditionsprobleme. Er mag es nicht, wenn Mama zu lange auf einem Stuhl sitzt, dafür ist es im Bauch schon zu eng. Er möchte nach Hause. Mama beugt sich seinem Wunsch, Papa fährt die beiden zur ersehnten Couch.

Mama entspannt sich, von Wehen keine Spur – ich kehre zurück zu Ulla.

Während die ihre Lesung fortsetzt pule ich alle zwei Minuten das Handy aus der Hosentasche, um nachzusehen, ob ich nicht doch einen Anruf verpasst habe.
Ulla Meinecke erzählt von zahlreichen Begegnungen. Fritz Rau kommt darin vor, Rio Reiser ebenfalls. Auf Gespräche und Begegnungen mit ihm geht sie ausführlicher ein, ebenso wie auf das Abschiedskonzert nach seinem Tod.
Ingo York betritt die Bühne. Ab jetzt wird wieder gesungen. Oder mit musikalischer Untermalung erzählt. Ingo hat ein neues Arrangement für „Die Tänzerin“ geschrieben – klingt ungewohnt.

Der Auftritt neigt sich dem Ende. Der Applaus ist groß, natürlich folgen Zugaben. Anschließend gehen Ulla und Ingo an mir vorbei in die Garderobe. „Ihr könnt jetzt das Licht anmachen“, flüstert Ulla mir zu. Das nützt nur nichts – die Zuschauer hören nicht auf zu applaudieren. Die beiden spielen noch eine Zugabe.
Dann ist die Show zu Ende und Ulla kümmert sich nach kurzer Auszeit um ihre Fans, indem sie Bücher signiert.
„Im Augenblick“ hat sie ihr Werk genannt. Es enthält alle ihre Liedtexte, über 100 Fotos und eben die skizzierten Stationen ihres Künstler-Lebens.

Meine anfängliche Skepsis ist verflogen – auch ich kaufe mir ein Exemplar.
Nach einem weiteren kurzen Blick aufs Handy-Display sitze ich Ulla für ein kurzes Interview gegenüber.
Dann verabschieden wir uns. Ulla und Ingo treibt der Hunger ins Lokal, wir müssen noch abbauen.

Als ich später nach Hause komme, streichle ich noch eine ganze Weile den Baby-Bauch.
Ob der Kleine spürt, wie dankbar ich ihm bin, dass er mir diesen Abend noch gegönnt hat?!

 

P.S.: Sogar die Geschichte über diese Veranstaltung ließ mich unser rücksichtsvoller Sohn noch schreiben. Am 17. Februar hat Jan Ole beschlossen, dem Warten ein Ende zu bereiten und seinen Eltern einen so aufregenden Abend zu bescheren, wie es noch keinem Künstler je zuvor gelungen ist.