COLOSSEUM

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 23:52

 

Blind Date

Keine Ahnung, worauf ich mich da eingelassen hatte. Ich kannte sie nicht, hatte bislang nichts von ihr gehört oder gesehen. Obwohl sie recht bekannt ist.
Und gleich werde ich sie treffen. Wird ein richtiges Blind Date.

So etwas gibt es auch im Musikgeschäft. Als ich den Vertrag mit Colosseum unterschrieben habe, war mir nicht im Geringsten klar, was mich erwarten würde.
Ich hatte die Band nie gesehen, kannte nicht ein Lied von ihnen. Passiert mir sonst nie. Ist ja eigentlich sogar peinlich. So eine berühmte Truppe, eines der größten Konzerte der letzten Jahre soll es werden, Fans aus allen möglich Ländern und Landesteilen werden anreisen, um dieses Konzert zu erleben. Das Abschlusskonzert ihrer vielleicht letzten Deutschland-Tournee.
Kurz vor dem Soundcheck ein kurzes Hallo. Ich ging zunächst zielstrebig auf Chris Farlowe zu. Wenigstens ein vertrautes Gesicht, Chris hat schon öfter bei uns gespielt. Er redet kurz mit mir, aber ich glaube, er erkennt mich nicht wirklich.
Wesentlich aufgeschlossener Barbara Thompson. Bei ihr gelingt es mir, ein paar Punkte zu sammeln, weil ich ihr eine Spiegel organisieren kann.
Die anderen Jungs sitzen vor dem Catering, spielen mit ihren Instrumenten – Abhängerei.
Alle sind unkompliziert und freundlich, von Star-Allüren keine Spur. Das zeichnete sich bereits im Vorwege ab: Kein üppiges Büfett, keine besonderen Wünsche.
Lediglich etwas abgekämpft wirkt die Truppe. Kein Wunder nach einer mehrwöchigen Tournee mit dem Nightliner quer durch die Republik.
John Hiseman, der Kopf der Band und einer der weltbesten Schlagzeuger. Clem Clempson, ein Gitarrist, der sogar mit Eric Clapton verglichen wird. Dave Greenslade, Orgel und Keyboard, war schon 1968 bei der Gründung der Gruppe dabei.
Marke Clarke sitzt gedankenverloren mit seinem Bass auf einem Stuhl, hat Kopfhörer auf den Ohren und spielt vor sich hin.

In Kürze werden sie den Saal zum Beben bringen, werden für begeisterte Fans sorgen, denen Wochen später noch die Augen leuchten, wenn sie von diesem Abend erzählen.

Während sich besagter Saal langsam füllt, beobachte ich vor der Halle drei junge Frauen, die die Sattlerschule nicht als Konzerthalle, sondern ausschließlich in ihrer üblichen Bestimmung als Berufsschule kennen. Die Mädchen finden den Menschenauflauf offensichtlich spannend, riskieren auch mal einen Blick Richtung Bühne, haben ihr Fazit aber in Anbetracht der nicht mehr ganz so jugendlichen Besucher schnell gezogen: „Wird bestimmt wieder nur Musik für alte Leute“, sagen sie und suchen sich eine andere Beschäftigung für diesen Abend.

Der Stimmung im Saal tut das keinen Abbruch. Tosender Applaus, der eine ganz einfache Ursache hat: Colosseum geben ein unglaublich starkes Konzert.

Ich höre die „Valentyne Suite“ ebenso zum ersten Mal, wie die Stücke von „Tomorrow ´s Blues“, ihrem letzten Studioalbum. Tief beeindruckt lasse ich die Songs auf mich wirken, kann es kaum fassen, diese Band nicht schon früher erlebt zu haben. Diese Spielfreude, diesen Groove und diese Genialität an jedem Instrument. Mit jedem Lied kann ich besser nachvollziehen, warum viele Fans weite Wege zurückgelegt haben, um dieses Konzert nicht zu verpassen, einer sogar eigens aus Finnland anreiste.

Nicht minder beeindruckt hat mich die Band nach dem Auftritt. Gerade kam die Pizza, die sie sich so gewünscht hatten, als einer der Jungs plötzlich sagte, dass jetzt zuerst die Fans an der Reihe seien. Und so versammelte sich die komplette Mannschaft am CD-Stand und signierte, bis auch das letzte Foto mit allen Unterschriften versehen dem stolzen Eigentümer zurückgegeben wurde und dieser es sorgsam wieder in seine Tasche mit den Raritäten gepackt hat.

Was für ein Engagement. Bis zur letzten Minute des letzten Auftritts geben alle wirklich alles.
Dafür haben sie wirklich Besseres verdient als lauwarme Pizza. Aber auch das haben sie sich natürlich nicht anmerken lassen.

P.S.: Mädels, es gibt gute und schlechte Musik. Ihr hättet auf die Erfahrung der „Alten“ setzen sollen, dann wäre es euch bestimmt genauso ergangen wie mir: Was als Blind Date begann wurde binnen Stunden zu einer großen Liebe.