Tony Carey und Mobago

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 23:49

 

Dann lieber ohne Rampenlicht

Manche Geschichten diktiert einem das Leben direkt in die Feder. So zum Beispiel diese über Tony Carey.

Der Amerikaner interessiert und engagiert sich leidenschaftlich für Afrika. Letztes Jahr hat er gemeinsam mit zahlreichen anderen prominenten Musikern ein großes Benefiz-Konzert für die Aga-Khan-Stiftung im tansanischen Dar Es Salaam gegeben. Doch die gute Tat ging offensichtlich ziemlich nach hinten los. Aus guten Gründen kam Tony zu diesem Resultat: Auf 250.000 Dollar schätzt er die Kosten für dieses Event, mit Privatjets wurden die Stars durchs Land geflogen, zum Beispiel zum Hummer-Barbecue nach Sansibar. Übernachtet haben sie in Fünf-Sterne-Hotels. Und das alles in einem der ärmsten Länder der Erde, in dem die Menschen jede Gelegenheit wahrnehmen, etwas zu Essen auf den Tisch zu bekommen.

„Ich bin kein Berufszyniker, aber das war peinlich“, gab Tony Carey dann auch unumwunden zu.

Diese Erfahrung holte ihn wieder ein, als ich ihm vor dem Auftritt in unserem Bürgerhaus zwei Freunde aus eben jenem ostafrikanischen Land vorstellte, die im Rahmen unserer Partnerschaft gerade für drei Wochen zu Besuch bei uns sind. Eine Partnerschaft, die sich in kleinen Schritten um bessere Lebensbedingungen bemüht in einem Dorf am Kilimandscharo. Zum Beispiel mit dem Bau einer Schule, zum Beispiel mit der Unterstützung einer Ausbildungseinrichtung, zum Beispiel durch Begegnungsbesuche.

Sie hatten sich also einiges zu erzählen, Pracseda und Gilbert Towo aus Mrimbo, Tansania, und der engagierte Musiker Tony Carey, der kurz danach ein kleines, aber äußerst feines Club-Konzert gegeben hat.

Die Besucher mussten hier zwar für den Eintritt bezahlen, bekamen dafür aber auch einen ehrlichen, authentischen Auftritt geboten und keine globalisierten Illusionen, Fassaden von der glitzernden Welt des Pop, die dann doch nichts weiter sind als Spiele für das perspektivlose Volk. „That’s the way it always goes, that’s the way it has always been”, heißt es so bezeichnend in seinem wunderbaren Stück vom “No man’s land”.

Es war eine ebenso überzeugende wie ernsthafte Vorstellung, die Tony Carey an diesem Abend geboten hat. Was keineswegs zu Lasten des Unterhaltungswertes ging. Dafür legten Tony Carey und Jonny Möller als sein Begleitmusiker viel zu viel Spielfreude in diesen Abend, demonstrierten, wie unterhaltsam, leise, abwechslungsreich, ernsthaft und eben auch spaßig Rockmusik sein kann. Vor allem, wenn man mit „Mustang Sally“ auf den Nebenstraßen durch die USA unterwegs ist („Blue Highways“).

Er schwenkte ein auf die „Route 66“, ließ Chuck Berry hochleben, weil der sich bekanntlich weigert Einkommenssteuern zu bezahlen und dafür sogar im Knast saß. Selbst Gassenhauer präsentierte er in interessanten gesellschaftlichen Zusammenhängen. So erzählte er von Storyville, dem Rotlicht-Milieu von New Orleans, der Heimat der Baumwollpflücker und damit des Blues. Und wie es diese Landarbeiter später im Zuge der Weltwirtschaftskrise nach Norden zog, um Jobs in den Fabriken zu finden: „Sweet Home Chicago“.

Tony Carey nahm uns mit in seine Kindheit („Saw a satellite“), redete offen über seine Alkoholprobleme und ließ lediglich eine Frage unbeantwortet: Warum eigentlich steht dieser Mann heute nicht mehr im Rampenlicht der großen Bühnen? Vielleicht ja auch gerade, weil er so ehrlich ist.

An diesem Abend jedenfalls wurde er gefeiert. Und zwar jedes seiner Stücke, nicht nur „Room with a view“.

Mit „Bedtime story“ verabschiedete er sich schließlich, wobei er die letzten Zeilen akustisch und unverstärkt vom Bühnenrand aus sang: Gänsehaut und standing ovations.

So fühlt sich ein wirklicher Star an – selbst wenn er keine Radio-Hits mehr einspielt.

Die bislang geschilderten Eindrücke betrafen allesamt die zweite Halbzeit dieses Abends. Die erste gehörte Mobago. Auch diese Band war erstmals bei uns zu Gast, obwohl sie sich seit langem einen hohen Bekanntsheitsgrad erspielt hat bei uns im Norden. Und das vollkommen zu Recht. Jeder der Musiker prägt auf ganz unterschiedliche Weise dieses „Kammer-Pop-Trio“, wie sie sich nennen. Da steht links auf der Bühne ein sagenhaft vielseitiger Jonny Möller (Saxophon, Flöten, Percussion, Cajon, Kongas, Jembe) und rechts sitzt mit Fjol van Forbach ein äußerst einfühlsamer Gitarrist und sehr talentierter Song-Schreiber auf einem Barhocker.

In der Mitte der Bühne, auf einem ebensolchen Barhocker, sitzt Diana Elisa Köhler und spielt mit ihrer grandiosen Stimme.
Dabei ist sie an diesem Abend noch recht aufgeregt – was ihr allerdings nicht anzumerken ist – da sie erst das vierte Mal mit Mobago auftritt.
Dieses Trio ist hochprofessionell. Vom Bühnenbild über die ausgeklügelten Arrangements bis hin zur Beleuchtung.
Als vierten Mitspieler greifen sie gelegentlich auf ihren „I-Pod“ zurück. Das kann man mögen, muss es aber nicht.
Meines Erachtens hat die Band diesen Elektrobeat nicht nötig. Wie toll das funktionieren kann, demonstrierte die Gruppe besonders beeindruckend beim letzten Stück, das es Diana Elisa Köhler ermöglichte, noch einmal alle Register ihres Könnens zu ziehen: Thank you for the music.