Saitenfestival 2007

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 23:45

 

Feuerwerk auf sechs Saiten

Malte Vief und Reentko Dirks in Concert

Wir hatten zu unseren Saitenfesten schon etliche gute Gitarristen auf die Bühne stellen können. Mit Malte Vief und Reentko Dirks, beide aus Dresden, haben wir aber in der nunmehr fünfjährigen Geschichte des Festivals einen besonderen Höhepunkt erleben können.

Was da zu hören und zu erleben war, ist vom Allerfeinsten, was man in der Gitarrenszene derzeit sehen kann.  Beide Gitarristen verstehen es, Klassische Elemente mit modernen Stilarten und Spieltechniken aus Rock/Pop und Flamenco so zu verbinden, dass hieraus eine kurzweilige und neuartige Musikrichtung entsteht.

"HeavyClassics" ist hierbei das Motto von Malte Vief : "Heavy" verweist hierbei auf seine Nähe zur Rockmusik, "Classics" ist ein Hinweis auf seinen eigentlichen Ursprung, der Klassischen Gitarre. Sein Programm besteht aus neuen Improvisationen bekannter Stücke, er ändert ihre Stilart, durchsetzt sie mit eigenen Ideen. Der stetige Wechsel von Dynamik, Schnelligkeit dann aber auch wieder ruhige und einfühlsame Passagen durchziehen auch seine gelungenen Eigenkompositionen.

Reentko Dirks ist vom gleichen Schlage: seine Stücke versieht er mit arabischen Skalen, schafft hierdurch eine schwebende Stimmung,  verharrt aber nicht in dieser sondern schafft Spannungspunkte und untermauert diese Dynamik spielerisch mit Flamenco-Techniken, die an seiner Virtuosität keinen Zweifel lassen.

Wollte man das Konzert nur mit wenigen Worten beschreiben, so fielen mir wohl diese ein : sicht- und hörbare Spielfreude gekoppelt mit einer unglaublichen Leichtigkeit, auch schwierigste Passagen perfekt und ausdrucksvoll zu präsentieren.

Besonders ein Solostück von Reentko Dirks hat mich sehr beeindruckt: man muß ihn dabei "gesehen" haben um mitzubekommen, auf welch geniale musikalische Ideen er kommt. Die Szene :

Reentko Dirks stellt neben sich auf einen Stuhl gelehnt eine zweite vorgestimmte Gitarre.
Auf der ersten Gitarre, die er in normaler Position spielt,  beginnt er sein Stück, welches zuerst ganz locker anfängt, zunehmend aber an Druck und Dynamik gewinnt. In entscheidenen Momenten löst sich seine Spielhand von seiner ersten Gitarre um - mit sichtbarer und hörbarer Gewaltigkeit - auf die leeren Saiten der auf dem Stuhl stehenden zweiten Gitarre zu schlagen. Man spürt, dass da etwas Unglaubliches passiert ...
Der Klang der zweiten Gitarre ist durchdringend, schafft eine spannungsgeladene Stimmung, auf der Reentko wiedrrum mit der ersten Gitarre antwortet und das Stück weiter fortführt.
Die Dramatik steigt, immer wieder die Schläge auf die zweite Gitarre, dann kommt der stilistische Bruch :
Es wird zunächst leiser, er spielt immer weniger auf seiner ersten Gitarre, statt dessen beginnt er mit leichtem Tapping auf der stehenden Gitarre, es entsteht eine leise, kaum wahrnehmbare Melodie. Reentko stellt derweil - ohne das Tapping zu unterbrechen - sein erstes Instrument ab, gleitet langsam von seinem Stuhl, um nun vor der zweiten Gitarre regelrecht niederzuknien, nunmehr verstärkt sich das Tapping, wird lauter und eindringlicher. Was für ein Bild : ein Gitarrist, der vor seinem Instrument kniet - eindrucksvoller kann man seine Verbundenheit mit diesem Instrument nicht demonstrieren. Dann bewegt er sich langsam auf seinen Stuhl zurück, immer noch leichtes ununterbrochenes Tapping auf der zweiten Gitarre, nimmt dann sein zuvor abgestelltes Instrument wieder auf und beendet sein Stück.

Erst danach verrät er den Titel seiner Eigenkomposition:  "Jerusalem Syndrom" und erklärt dazu, dass er einige Zeit dort gelebt hatte und den religiösen "Wahnsinn" vor Ort miterlebt hat. Nun wird klar, was die zweite Gitarre erdulden mußte.

An Malte Vief und Reentko Dirks wird deutlich, wie sehr Musik sich weiter entwickeln kann.
Beide haben das Studium der Klassischen Gitarre durchlaufen, sind aber nicht stehen geblieben, sondern haben - jetzt schon mit Erfolg! - neue Wege beschritten. Ihre noch junge Karriere als Solo-Künstler weiter zu verfolgen, verspricht noch einiges an musikalischen Überraschungen.

Die erfreuliche Besucherzahl für unser Saitenfest hat uns abermals darin bestätigt, auch zukünftig einmal im Jahr Solo-Gitarristen zu uns nach Kellinghusen einzuladen.