Lesung mit Friedrich Ani

Gespeichert von Webmaster am 5. Dezember 2010 - 1:25

“Schreiben ist wie Träumen: Schreiben ist ein Teil von einem selbst, Schreiben ist wie… reale Träume.”

Friedrich Ani präsentiert sich uns am 22.01.2009 als ein poetischer, nachdenklicher und tiefsinniger Literat. Mit seiner sanften tiefen Stimme erzählt er von seinem neuen Roman “Hinter blinden Fenstern” sowie über das Schriftstellerleben an sich und im speziellen.

 

In Anis Romanen steht nicht ein komplizierter Plot oder ein außergewöhnlicher Kommissar im Mittelpunkt: “Mich interessieren die Geschichten, wegen derer die Polizisten überhaupt ihre Büros verlassen.” Aufwühlende Milieuschilderungen, meist der Münchener Unterschicht, und alltägliche Menschenschicksale, die betroffen machen, das sind die wahren Themen, um die es in Anis Romanen geht. So meint Oliver Zantow in seiner kurzen Ansprache: “Friedrich Ani wirft einen tiefen Blick hinter die Fassaden, einen tiefen Blick in die Personen.” Ani möchte “Menschen zusehen wie sie ringen, eine Situation hinzukriegen, nicht die Welt erklärt bekommen.”, wie er selbst sagt. Anders als viele andere Kriminalromane bestechen Anis Werke durch detailreiche und intensive Schilderungen. Der Krimi dient ihm als Rahmen um freier zu werden, aber er zwingt ihn auch auf den Punkt zu kommen, anstatt sich in literarischen Ausschweifungen zu verlieren: “Ich wollte Menschengeschichten erzählen, und das braucht eine gewisse Langsamkeit.” Und so berichtet er auch in seinem Roman “Hinter blinden Fenstern” von unscheinbaren Menschen, die mit ihrem persönlichen Schicksal umgehen müssen und dabei in zwei Kriminalfälle verwickelt werden. Doch Ani verrät nicht viel über den Inhalt dieses Buches. Er will nicht zu viel preis geben, die Spannung erhalten. Mit zwei ausgewählten Textstellen macht er die Besucher neugierig auf mehr. Da ist zunächst der erste Todesfall. Der ehemalige Ladenbesitzer Cornelius Mora wird während eines SM-Spielchens an einem Andreaskreuz hängend am Hals verletzt und verblutet. Das Team um den Hauptkommissar Polonius Fischer beginnt mit den Ermittlungen. Ein Unfall? Und was haben die letzten Worte des Verstorbenen zu bedeuten? Ein Rätsel lüftet Ani für uns Zuhörer in seiner zweiten Leseprobe: Was hat es mit dem Geschenk auf sich, das Moras Frau mit zu dem Klassentreffen genommen hat? Nachdem die Eheleute Mora Insovenz anmelden mussten, versucht insbesondere Frau Mora an allem zu sparen. So nimmt sie zum Klassentreffen ein geschmiertes Brot mit. Um der Diskussion darum mit ihrem Mann zu entgehen, packt sie die Brotdose als Geschenk ein und behauptet, es sei für eine Freundin. Ja, trotz der bedrückenden Atmosphäre in seiner Geschichte, gelingt es Ani die Stimmung mit amüsanten Wendungen aufzulockern. Es bringt Spaß ihm zuzuhören. Seine sanfte Stimme mit dem sympathischen bayrischen Akzent lässt einen ganz in der Geschichte versinken. Da kann auch das Tassengeklapper und Kaffeemaschinengerüttel nicht wirklich stören. Die gemütliche Atmosphäre im Cafe Susa, mit Flammküchle und verschiedensten Getränken, macht aus dieser Lesung einen entspannten Kulturabend.

Neben den Leseproben erhalten wir noch einen Einblick in Anis Schriftstellerarbeit.

So erfahren wir z.B., dass er sich in der Regel erst die Personen ausdenkt, dann das Thema, und dass alle Personen in gewisser Weise etwas mit ihm selbst zu tun haben. Über den Kriminalkommissar in der Vermisstenstelle Tabor Süden, für den Ani bekannt ist, sagt er: “Tabor bringt mich weiter, ich habe 20 Jahre an ihm gebastelt.” Doch nun wurde es Zeit für eine neue Person. Nach einer Schreibpause hatte Ani dann plötzlich die Idee für den Hauptkommissar Polonius Fischer, einen ehemaligen Mönch. Seine Bekanntschaften mit Polizisten und Recherchen über die Polizeiarbeit helfen Ani bei der Konstruktion seiner Romane, aber die Geschichten sind fiktional.

Obwohl Friedrich Ani mit seinen Werken viele Auszeichnungen erreicht hat, macht er seinen Erfolg nicht von diesen Preisen oder seinem Verdienst abhängig: “Was ist Erfolg für einen Schriftsteller? Schaff ich eine Geschichte zu erzählen, die so ist, wie ich sie erzählen will? Wenn ich schreibe, was ganz nah daran ist, was ich empfinde - das ist für mich Erfolg.” Um die Freiheit zu haben, schreiben zu können was ihn bewegt, nimmt Ani gelegentlich Aufträge für Drehbücher an. Sie sichern seinen Lebensunterhalt, aber seine Berufung sieht er mehr in den Romanen. Die eigene Weiterentwicklung scheint Ani wichtig zu sein. So versucht er sich auch gern mal an etwas Neuem. Sein erstes Jugendbuch war z.B. eine reine Auftragsarbeit, aber sie hat ihm eine ganz neue Tür geöffnet: “Ich war ganz überrascht, was da mit mir passiert. Als Autor, für mein Handwerk, war das ein richtiger Push.”

Wenn Ani so von seiner Arbeit als Schriftsteller erzählt, merkt man, wie viel Emotion er dorthinein steckt. “Schreiben ist wie Musikhören. Wenn man Musik hört ist man näher an sich selbst, an seinen Gefühlen.” Dann kann es schon mal passieren, dass die Geschichte ein wahres Eigenleben entwickelt, so dass er sich manchmal überfordert fühlt von dem, was seine fiktiven Personen machen.

Aber neben der emotionalen Seite liefert er uns auch kalte Fakten. Die erste Fassung eines Romans entsteht in der Regel innerhalb von acht Wochen. Dann wird diese innerhalb von zwei bis drei Monaten überarbeitet. Ein Drehbuch ist stark strukturiert, es besteht in der Regel aus 100 Seiten für 88 Minuten Film, es ist keine eigene Kunstform sondern ein Handwerk.

Und so geht ein gelungener Kulturabend in gemütlicher Atmosphäre zu Ende. Alle Fragen sind beantwortet, die Bücher signiert. Die aufwühlende Geschichte von
“Hinter blinden Fenstern” klingt noch in einem nach und man weiß, dass man bei der zukünftigen Lektüre von Anis Romanen immer dessen bayrischen Akzent und seine warme Stimme im Ohr haben wird. Und Friedrich Ani selbst verspricht: “Natürlich würd’ ich wiederkommen!”