Bluesnacht

Schön, dass der Blues so vielseitig ist!

 

Nach längerer Abstinenz stand der Blues einmal wieder im Mittelpunkt. Und das gleich eine ganze Nacht lang. Mit drei Bands und Musikern verschiedener Nationalitäten. Es war ein sehr abwechslungsreiches Programm, das die Besucher der Ulmenhofschule bei dieser mittlerweile achten Auflage unseres Bluesfestivals geboten bekamen. Mit Stan Webb war es uns gelungen, eine Legende des britischen Blues zu engagieren, Big Daddy Wilson brachte den schwarzen Blues aus North Carolina mit nach Deutschland und mit Jan Fischers Bluesband hatten wir eine exzellente junge Band aus Hamburg an Bord.

Waren bestimmt viele der etwa 200 Besucher gekommen, um Stan Webb`s Chicken Shack einmal live zu erleben, so erzielte meines Erachtens doch Big Daddy Wilson die größte Tiefenwirkung. Dabei wirkten sie zunächst einmal eher unscheinbar, als sie zu zweit zwischen all den Instrumenten der anderen Bands auf der Bühne saßen: Big Daddy Wilson hinter einer Conga und neben ihm Wolfgang Feld alias Doc Fozz an der Gitarre. Doch zum einen blieb es nicht lange bei dem Duo, zum anderen gelang es den beiden, die Zuschauer von Beginn an mit ihrem Charme, ihren Stimmen und ihrer groovigen akustischen Musik zu begeistern. Sie hatten etliche Klassiker in ihrem Programm, verstanden es aber, diese in einem ganz individuellen Stil zu präsentieren. Natürlich dachten viele bei „Hand it over“ gleich an Keb Mo, haben alle „San Francisco Bay“ oder „Summertime“ schon unzählige Male gehört, aber nie mussten sich die beiden mit ihrer Version hinter den großen Originalen verstecken. Das war selbst dann nicht der Fall, als mit dem typischen Gitarren-Intro plötzlich Claptons „Layla“ eingeleitet wurde. „Mutig!“, dachte ich noch bei den ersten Takten, schließlich ist Eric Clapton ja nicht zuletzt mit diesem Stück – auch in der unplugged Version – weltberühmt geworden. Ein paar Minuten später war der Kopf längst ausgeschaltet und das Gefühl genoss jeden Akkord. Als wollten sie ihre Homage fortsetzen, setzten Big Daddy Wilson und Doc Fozz mit „Running on faith“ gleich noch einen Clapton-Song drauf. Aber zu diesem Zeitpunkt waren die beiden schon längst nicht mehr alleine auf der Bühne. Zunächst ließen sie sich von Christian Hönniger an der Harp begleiten, dann baten sie Jan Fischer dazu und zum Schluss stand die ganze Jan Fischer Bluesband mit auf der Bühne.

Die hatten sich vorher selbst schon zahlreiche neue Freunde erspielt. Welch Wunder, sie werden auch jedes Mal besser. Entführte Jan Fischer die Zuhörer eben noch mit seinem Boogie ins tiefe New Orleans, brachte Tobi Hübner die Fans mit einer Rock`n´Roll-Nummer in Schwung. Das Ganze regelmäßig gewürzt mit feinen Gitarren-Soli von Martin Friedenstab, das ergibt dann „acoustic Blues & Boogie Power erster Güte“ wie es die Band sich auf die Fahnen geschrieben hat. Gast-Musiker Christian Hönniger ist mit seiner Harp ohnehin für jede Band ein Gewinn.

Die Stimmung war also schon prächtig als Stan Webb und seine Chicken Shack die Bühne betraten. Wieder einmal stand eine Band auf der Bühne, von der viele nicht glauben konnten, dass sie auch einmal in unserem Städtchen Station machen würden. Seit etwa 40 Jahren steht Stan Webb, steht diese Band für innovativen britischen Bluesrock, wird der Bandleader immer wieder in einem Atemzug genannt mit Gitarrengrößen wie Rory Gallagher oder Jeff Beck. „Still live after all this years“ heißt sein neues Album, das er an diesem Abend vorstellte. Der Titel ist Programm. Auch nach so vielen Jahren auf der Bühne wirkt Stan Webb weder lustlos noch müde.

Bei seiner Show greift er neben vielen Eigenkompositionen immer wieder auf Klassiker zurück, natürlich sehr gitarrenlastig, natürlich in ganz eigenem Stil.
„Reconsider Baby“ war so ein Stück oder „The thrill is gone“.

Stan Webb spielt den Blues geradliniger, puristischer als die Bands vor ihm. Und er spielt ihn auch lauter. Und so feierten ihn die Rock-Fans und wollten gar nicht mehr aufhören zu jubeln, andere verließen die Ulmenhofschule. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, alle Bluesfans sind in dieser Nacht auf ihre Kosten gekommen.

Und haben übrigens einen tollen Sound genossen! Zuschauer wie Musiker sprachen uns in großer Zahl an und äußerten sich äußerst lobend über Bernd Pahlke, der erneut sehr einfühlsam das Mischpult bediente.

Dass der Abend dann etwas abrupt endete, war übrigens ein Versehen. Stan Webb hatte sich ohne Zugabe von der Bühne verabschiedet, was doch manche erstaunte und auch bei uns die Frage aufwarf, ob ihn den irgendetwas verärgert haben könnte. Am Ende stellte sich heraus, dass der Roadie der Truppe etwas voreilig und eigenmächtig das Signal gab, die Musik vom Band laufen zu lassen und damit das Ende der Show zu verkünden. Vielleicht wollte er nicht zu spät ins Bett kommen... An uns oder an Stan Webb lag es auf jeden Fall nicht und auch der Agent und Tourbegleiter kündigte einige ernsthafte Gespräche für den nächsten Tag an.

Bei uns hielt sich der Frust darüber in Grenzen, ein spannendes, über vier Stunden dauerndes Programm lag hinter uns, gut gelaunte Fans machten sich auf den Heimweg. Und wir hatten ja noch einmal zwei Stunden Aufräumen vor uns. Aber wenn die Veranstaltung gut gelaufen ist, wirbeln hinterher auch gut gelaunte und beschwingte Helfer durch die Ulmenhofschule.

Und die Stimmung war recht ausgelassen in dieser Nacht!

 

Oliver Zantow